Der Adel und das Ritterwesen. 219
stätte, und den ganzen obern Stock nahm der Saal ein, wo Gäste bewirthet
wurden, wo die Waffen und die Beute des Krieges und der
Jagd an den Wänden hingen; zu oberst auf der Zinne hatte der
Thurmwächter seine Wohnung. Alle diese Räume erhielten ihr Licht
durch länglichte viereckige Löcher, welche sich nach Innen beträchtlich erweiterten
und gleichsam kleine Kabinete bildeten (Erker). In den
ältesten Burgen waren nur hölzerne Treppen und Fallthüren, welche
von einem Stockwerke in das andere führten, und in solchen Burgen
wohnten selbst Könige. Doch bauten die großen Herren bald wohnlicher;
der Burgthurm wurde mit Eckthürmen flankiert, in deren einem
die Wendeltreppe bis auf die Dachhöhe zu den Eingängen des Schlosses
führte, während die anderen Thürme zu Gefängnissen dienten. Vor
der Burg war ein Hof, den starke Mauern einschloßen, und oft waren
selbst mehrere Burghöfe nacheinander; durch die Ringmauern führten
Thore, von denen die äußeren durch Seitenthürme vertheidigt wurden,
ebenso erhoben sich an den zugänglichen Stellen der Mauern ähnliche
Thürme, oft schon für sich große Bauwerke; ein hoher Wartthurm beschützte
die ausgesetzteste Stelle und diente zugleich zu weiter Umschau.
In den Hofräumen waren Scheuern, Vorrathshäuser und Stallungen,
wo die Knechte schliefen; neben dem Herrenthurm oder Schlosse befand
sich wohl ein zweites Haus, das zur Aufnahme zahlreicher Gäste diente
oder von ritterlichen Dienstmannen bewohnt wurde. Von diesen Burgen
nannten sich später die Adeligen, und so wurde der Burgname Familienund
oft Landesname.
Die Turniere. Die Heraldik.
Der Stolz des Adels war die Waffe; seine Feste waren Waffenspiele,
die Turniere, ursprünglich Waffenübungen und Scheingefechte;
da rannten sie bepanzert auf bepanzerten Rossen gegen einander mit
stumpfen Lanzen, wohl auch mit scharfen, einzeln oder auch in ganzen
Abtheilungen. Solche Turniere kosteten gar manchem Leben und Gesundheit;
sie wurden von Päpsten, Bischöfen und von Koncilien verboten,
dauerten aber dessen ungeachtet fort, bis König Heinrich II. von
Frankreich durch einen Grafen Montgommery 1559 aus Ungeschicklichkeit
tödtlich verwundet wurde. Durch den Adel kamen auch die Wappen
auf; zuerst waren sie Unterscheidungszeichen der Krieger, an welchen sie
einander erkannten, dann wurden sie erblich und auch von den Städten
angenommen; so entstand eine eigene Wissenschaft, die Heraldik, welche
sich mit der Deutung der Waffen beschäftigte.
Der Minnesang.
Des Ritters Hand führte aber nicht bloß das gewichtige Schwert,
sie ließ auch die Harfe klingen zum selbsterfundenen oder erlernten