Full text : Sächsisches Realienbuch enthaltend Geschichte, Erdkunde, Naturgeschichte, Physik, Chemie und Mineralogie.

—  47  —  IV

b)  Denkt  man  sich  den  Magnetstab  aus  unendlich  vielen  Molekularmagnetchen  zusammengesetzt,
  so  kann  man  sich  leicht  vorstellen,  daß  Nord=  und  Südmagnetismus  in
steter  Folge  wechseln  müssen.  Das  Ende,  wohin  alle  Nordpole  gerichtet  sind,  ist  der
Nordpol  des  Magnetstabes,  das  andere  Ende  der  Südpol.

Nähert  man  ein  Stück  Eisen  (Fig.  42,  E  6)  der  Mitte  des  n  S  n  &  n#e#

Magnetstabes,  so  nimmt  es  die  gleiche  Lage  gegen  den  Süd-  m—  —0□—
pol  28  und  den  Nordpol  Zn  der  Moleküle  ein.  Die  Wirkung  8  s  9
ie
6

 

dieser  Moleküle  wird  daher  aufgehoben,  weshalb  der  Magnet=  n

stab  in  der  Mitte  keine  Anziehung  ausübt.  (S.  45,  &  90c.)  s

Nähert  man  dagegen  das  Eisen  (E  5)  dem  Nordpole  bes  Fio.  42
Magnets,  so  ist  es  sämtlichen  Nordpolen  der  Moleküle  näher

als  ihren  Südpolen.  Deshalb  wird,  da  sich  nur  ungleichnamige  Pole  anziehen,  der  Südmagnetismus
  in  das  dem  Nordpole  des  Magnetstabes  zugekehrte  Ende  des  Eisens  (58)
gezogen,  der  Nordmagnetismus  aber  in  das  andere  Ende  (ön)  gestoßen.  So  entstehen

die  Pole.
VIII.  Die  Elektrizität.

95.  Reibungselektrizität.  Reibe  eine  vorher  erwärmte  Glasstange  kräftig
mit  einem  Seiden=  oder  Wollappen!  Hänge  Teilchen  der  verschiedensten  Körper
an  Seidenfäden  auf  und  nähere  ihnen  die  geriebene  Glasstange!  Sie  werden
angezogen,  aber  bald  wieder  abgestoßen.  Halte  die  geriebene  Stange  über
kleine  Kügelchen  von  Binsen-  oder  Holundermark  auf  Papier!  Sie  tanzen  einen
Augenblick  lebhaft  auf  und  ab.  Ahnliche  Versuche  lassen  sich  mit  einer  Siegellackstange
  oder  mit  Hartgummi  anstellen,  wenn  diese  Stoffe  mit  einem  Wollappen
gerieben  werden.  Der  beweglich  aufgehängte  geriebene  Körper  wird  von  genäherten
  unelektrischen  Körpern  angezogen.  Schon  die  Alten  beobachteten  diese
Erscheinung  am  Bemstein  (Elektron,  daher  die  Bezeichnung  Elektrizität).  Elektrische
und  unelektrische  Körper  ziehen  sich  gegenseitig  an.  Nähert  man  der
geriebenen  Glasstange  einen  Fingerknöchel,  so  springt  ein  im  Dunkeln  deutlich
sichtbarer,  schwacher  Funke  leise  knisternd  aus  der  Glasstange  gegen  den  nahen
Finger  und  verursacht  in  ihm  ein  schwaches  Stechen.  Zugleich  macht  sich  ein
eigentümlicher  (Ozon-)Geruch  bemerkbar.  Ein  erwärmtes  Blatt  Papier,  auf
trockenem  Tisch  mit  dem  Handballen  gerieben,  zeigt  starke  elektrische  Erscheinungen.

96.  Positive  und  negative  Elektrizität.  An  einem  seidenen  Faden  hängt
eine  Kugel  aus  Holundermark.  Berühre  sie  mit  einer  geriebenen  Harz--  oder
Siegellackstange;  die  Kugel  wird  selbst  elektrisch  und  vermag  Papierstückchen  u.  dgl.
anzuziehen.  Nähert  man  ihr  jetzt  abermals  die  Harzstange,  so  stößt  diese  die
Kugel  ab,  während  eine  geriebene  Glasstange  sie  lebhaft  anzieht.  Hängt  man
eine  geriebene  Hartgummistange  in  einer  wagerechten  Papphülse  beweglich  auf,
so  wird  sie  durch  einen  anderen  geriebenen  Harzstab  abgestoßen,  durch  einen
geriebenen  Glasstab  angezogen.  Man  unterscheidet  deshalb  Glas=  und  Harzelektrizität
  oder  positive  und  negative  Elektrizität.  Aus  obigem  Versuche  ergibt
sich  das  Gesetz:  Gleichnamige  Elektrizitäten  stoßen  einander  ab,  ungleichnamige
  ziehen  einander  an.  Trotzdem  man  von  zweierlei  Elektrizitäten
redet,  nimmt  man  jetzt  an,  daß  es  in  Wirklichkeit  nur  eine  gibt.  Wir  reden
auch  von  Wärme  und  Kälte,  verstehen  aber  unter  Kälte  nur  den  Mangel  an
Wärme.  Ebenso  faßt  man  die  negative  Elektrizität  als  die  eigentliche  elektrische
Kraft,  die  positive  als  Mangel  an  solcher  auf.  Der  Nullpunkt  ist  der  elektrische
Ladungszustand  der  Erde.