Metadata : Das Staatsrecht des Königreichs Bayern.

210  Fünfter  Abschnitt:  Gemeinden  u.  Gemeindeverfassung.  II.  Die  Ortsgemeinden.  §  68.

tere  Aenderungen  führte  die  Novelle  vom  17.  Juni  1896  (G.  V.  Bl.  S.  297)  herbei,  die
einen  Widerspruch  mit  dem  System  des  Heimatrechtes  in  das  Gesetz  brachte.  Sie  sollte  na—
mentlich  den  Heimaterwerb  erleichtern  und  den  großen  Verschiebungen  der  Bevölkerung
durch  stärkere  Einwanderung  in  Städte  und  gewerbreiche  Gemeinden  Rechnung  tragen.
Die  letzte  Aenderung  brachte  Art.  154  des  Ausführungsgesetzes  zum  B.  G.  B.  vom  9.  Juni
1899.  Die  neue  Fassung  des  Gesetzes  ist  mit  Bekanntmachung  vom  30.  Juli  1899  (G.=V.

  Bl.  S.  470)  veröffentlicht  worden.  Hiezu  erging,  unter  Aufhebung  der  früheren  Vollzugsvorschriften,
  die  Ministerial-Entschließung  vom  28.  Dez.  1899  (M.  A.  Bl.  803).

Das  geltende  Heimatrecht  ist  hienach  folgendes.

Man  versteht  unter  Heimat  die  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  Gemeinde.  Die
rechtlichen  Wirkungen  dieser  Zugehörigkeit  lassen  sich  ebenso  wenig  durch  eine  allgemeine
Formel  ausdrücken,  wie  die  rechtlichen  Wirkungen  der  Staatsangehörigkeit.  Als  eine  allgemeine
  und  begrifflich  notwendige  Folge  der  Heimat  erscheint  nur  die,  daß  den  Gemeindeangehörigen
  der  Aufenthalt  in  der  Heimatgemeinde  aus  polizeilichen  Gründen  nicht  verwehrt
  werden  kann ¹).  Durch  diesen  letzteren  Umstand  unterscheidet  sich  der  Aufenthalt
kraft  der  Heimat  vom  Aufenthalte  kraft  der  Freizügigkeit.  Selbstverständlich  kann  jedoch
das  Recht  des  Aufenthaltes  in  der  Heimatgemeinde  besonderen  gesetzlichen  Verpflichtungen
gegenüber  nicht  geltend  gemacht  werden.

Von  der  eigentlichen  oder  wirklichen  Heimat  unterscheidet  sich  die  uneigentliche  oder
vorläufige  Heimat.  Die  letztere  ist  keine  Heimat  im  strengen  Sinne  des  Wortes;
denn  sie  begründet  keine  Zugehörigkeit  zur  Gemeinde;  wer  sie  besitzt,  ist  also  nach  wie  vor
heimatlos.  Die  vorläufige  Heimat  hat  nur  die  einzige  Wirkung,  das  Aufenthaltsrecht  in
der  eben  erörterten  Weise  zu  gewähren.  In  dieser  Begrenzung  aber  ist  sie  ein  bleibendes
Rechtsverhältnis.  Sie  führt  die  Bezeichnung  vorläufig  lediglich  in  Beziehung  auf  die  wirkliche
  Heimat,  da  sie  nur  solange  besteht,  als  eine  wirkliche  Heimat  mangelt.  Im  übrigen
finden  alle  gesetzlichen  Bestimmungen,  durch  welche  Rechte  oder  Rechtsverhältnisse  an  die
Heimat  geknüpft  werden,  nur  auf  die  eigentliche  Heimat  Anwendung ²).

Die  gesetzgeberische  Absicht  bei  Gestaltung  des  Heimatrechtes  ist,  daß  jeder  Bayer
cine  Heimat  haben  soll.  Diese  Absicht  kommt  in  der  Bestimmung  zum  Ausdrucke,  daß
kein  Bayer  die  Heimat,  welche  er  besitzt,  anders  verlieren  kann,  als  durch  Erwerb  einer
neuen  Heimat.  Eine  mehrfache  Heimat  ist  rechtlich  unmöglich  (Ges.  Art.  15  Ziff.  1).

"  Allgemeine  Voraussetzung  für  den  Besitz  einer  bayerischen  Heimat  ist  der  Besitz  der
bayerischen  Staatsangehörigkeit  (Ges.  Art.  10,  11,  15  Ziff.  2).

Die  Heimat  ist  entweder  eine  selbständige  oder  eine  unselbständige.

Selbständig  ist  jene  Heimat,  deren  Bestand  nur  durch  solche  Umstände  berührt  werden
kann,  die  für  die  Person  des  Heimatinhabers  eintreten.  Unselbständig  ist  jene  Heimat,  deren
Bestand  von  der  Heimat  eines  anderen  abhängig  ist,  sonach  von  den  Veränderungen,  welche
letztere  erleidet,  mit  ergriffen  wird.

Die  unselbständige  Heimat  hat  ihren  Grund  im  Familienbande.  Sie  ist  eine  ursprüngliche

  für  die  Kinder,  eine  erworbene  für  die  Ehefrauen.
«  Jeder  Bayer  hat  seine  ursprüngliche  Heimat  da,  wo  sein  ehelicher  Vater,  oder  bei
außerehelicher  Geburt,  wo  seine  Mutter  heimatberechtigt  ist.  Den  ehelichen  Kindern  werden
die  Kiuder  gleich  geachtet,  welche  nach  dem  bürgerlichen  Rechte  die  Stellung  von  ehelichen
Kindern  haben.

Erwirbt  ein  Staatsangehöriger  die  Heimat  kraft  Gesetzes  durch  Ersitzung,  so  folgen

1)  Ges.  Art.  19  Abs.  l a.  Dies  gilt  zur  Folge  des  bayerischen  Sonderrechts  auch  gegenüber
polizeilichen  Bestimmungen  der  Reichsgesetze.

2)  Diesem  Rechtestande  entspricht  es,  wenn  in  der  folgenden  Darstellung  der  Ausdruck  Heimat
  ohne  nähere  Bezeichnung  für  die  „wirkliche“  Heimat  gebraucht  wird.