Full text : Preußisches Verwaltungsrecht.

—  1  —

der  deutschen  Expansion  erschlossen  sich  unbegrenzte  Möglichkeiten.


«  Diese  Gedanken  und  ehrgeizigen  Bestrebungen  sind  heute
natürlich  nicht  verschwunden.  Die  Deutschen  haben  immer
noch  das  Bedürfnis  nach  neuen  Absatzgebieten,  nach  wirtschaftlicher
  und  kolonialer  Ausdehnung.  Sie  halten  sich  dazu  für
berechtigt,  weil  sie  fortwährend  an  Zahl  zunehmen,  weil  die
Zukunft  ihnen  gehört.  Sie  erblicken  in  uns,  mit  unsern  40  Millionen
  Einwohnern,  eine  Nation  zweiten  Ranges.

«In  der  Krisis  von  1911  hat  diese  Nation  zweiten  Ranges
ihnen  die  Stirne  geboten,  und  der  Kaiser  und  die  Regierung
gaben  nach.  Das  hat  die  öffentliche  Meinung  weder  ihnen  noch
uns  verziehen.  Sie  will  nicht,  dass  derartiges  sich  wiederholen
könne.  »

Und  in  dem  Augenblick,  wo  der  zweite,  gewaltige  Teil  des
Programms  seiner  Verwirklichung  nahe  ist,  wo  die  deutsche
Militärmacht  im  Begriffe  steht,  jene  endgültige  Ueberlegenheit
zu  erreichen,  die  uns  zwingen  würde,  gegebenenfalls  eine  Demütigung
  zu  ertragen  oder  erdrückt  zu  werden  —  in  diesem
Augenblick  lehnt  sich  Frankreich  dagegen  auf,  abzudanken  und
liefert  den  Beweis  seiner  unvergänglichen  Kraft  der  Wiedergeburt
  und  des  Neuauflebens,  von  der  Renan  gesprochen  hat.
Man  versteht  den  deutschen  Aerger  nur  zu  gut.

Gewiss,  die  Regierung  beruft  sich  auf  die  allgemeine  europäische
  Lage  und  spricht  von  der  slavischen  Gefahr.  In  Wirklichkeit
  scheint  mir  die  öffentliche  Meinung  der  slavischen  Gefahr
  gegenüber  recht  gleichgültig  zu  sein,  und  doch  hat  sie
mit  Würde,  um  nicht  mehr  zu  sagen,  die  ungeheuren  Lasten
der  beiden  aufeinanderfolgenden  Gesetze  auf  sich  genommen.

Am  vergangenen  10.  März,  der  hundertjährigen  Feier  Jer
Massenerhebung  Deutschlands  gegen  uns,  drängte  sich  trotz
strömenden  Regens  eine  gewaltige  Menge  zu  der  Militärparade
vor  dem  Schloss  und  scharte  sich  ım  Tiergarten  um  die  mit
Bergen  von  Blumen  geschmückten  Standbilder  der  Köniein
Luise  und  Friedrich  Wilhelms  III.

Diese  Feiern  zur  Erinnerung  an  den  Kampf  gegen  Frankreich
  werden  sich  das  ganze  Jahr  wiederholen.  1914  wird  die
Jahrhundertfeier  des  ersten  französischen  Feldzugs,  des  ersten
Einzugs  der  Preussen  in  Paris  in  Szene  gesetzt  werden.