266 Beutsches Reich. (März 8.)
Ein Wort aus der Adresse des Präsidenten Wilson (bei Beginn seiner
zweiten Amtsperiode am 5. März, s. Ver. Staaten) fällt uns in die Augen:
fair dealing — Billigkeit. Wie Amerika sie für sich selber wünsche, so sei
es bereit, sie für die ganze Menschheit zu fordern: „Billigkeit, Gerechtigkeit,
die Freiheit zu leben und Schutz vor organisiertem Unrecht“. Was
Wilson für die ganze Menschheit zu fordern bereit ist — Deutschland hat
er es nicht eingeräumt. Unsere ganze Politik Amerika gegenüber, vom ersten
Kriegstage bis zum Abbruch der Beziehungen, ist ein Kampf um Billigkeit
gewesen: der immer wiederholte Anspruch eines von neidischen Gegnern
zum Kampfe gezwungenen Volkes auf Gerechtigkeit, auf die Freiheit, zu
leben und auf die Abwehr organisierten Unrechts. Wie aber klang es von
drüben zurück? Kaum war der Weltbrand entzündet, der das durch politische
Einkreisung vorbereitete Werk der Vernichtung Deutschlands gewaltsam vollenden
sollte, da war eine laute Presseorganisation unermüdlich bestrebt,
in den Ver. St. die Volksmeinung gegen uns aufzustacheln. Und die Regierung
Wilsons sah in Ruhe zu, wie ein Stück des geltenden Seerechts
nach dem anderen von England beseitigt wurde. Aber damit nicht genug.
Dieselbe Regierung, die es ohne Gegenwehr hingenommen hatte, daß der
gesamte Handel Amerikas mit uns und unseren neutralen Nachbarstaaten,
auch soweit ihn kein Kriegsrecht berühren konnte, der britischen Seetyrannei
zum Opfer fiel, erließ Protest auf Protest, sobald wir England Gleiches
mit Gleichem vergalten. Sie handelte so, obwohl ihr bekannt war, daß England
mit seiner brutalen Mißachtung neutraler Rechte nichts anderes bezweckte,
als unsere Kraft, die mit Waffengewalt nicht zu brechen war, durch
den Hungerkrieg gegen Frauen und Kinder langsam zu zermürben. Für die
ganze Menschheit fordert Wilson die Freiheit zu leben. Nur dem deutschen
Volke versagt er den Anspruch auf sie. Zugleich verwandelte sich die ganze
Union in eine einzige große Waffen= und Munitionsfabrik. Nicht
nur vorhandene Betriebe wurden erweitert; auch Fabriken, die im Frieden
Friedensgüter schafften, wurden umgestaltet, um für Deutschlands Feinde
Kriegsbedarf zu erzeugen. Die gesamte Industrie eines Volkes, das von
den Schrecken des fernen europäischen Kampfes völlig unberührt blieb, wurde
damit zu einer Riesenwerkstatt des Todes. Und indem die Regierung der
Ver. St. diese Auffassung von Neutralität betätigt, verlangt sie von uns,
für die Sicherheit jedes einzelnen ihrer Bürger aufzukommen, der sich
dringender Warnung zum Trotz in das Kampfgebiet zur See begibt. Billigkeit
für alle Welt, nur nicht für Deutschland! Das ist der rote
Faden, der sich von jeher durch Wilsons Politik hindurchzog. So kam der
Tag, da nach der höhnischen Abweisung unseres Friedensangebots der Entschluß
zur Eröffnung des unbeschränkten Tauchbootkrieges ausgeführt wurde.
Ein letztes Mal erging der Ruf um Billigkeit an den Präsidenten. Die
Antwort darauf war der Abbruch der Beziehungen und darüber hinaus
sogar der Versuch, die sämtlichen neutralen Mächte gegen uns aufzuwiegeln.
Heute spricht der Präsident überdies auch offen aus, daß eine unmittelbare
Beteiligung Amerikas am Kampfe möglich sei. Die Opfer, die wir dem
Frieden mit den Ver. St. bringen können, erreichen ihre Grenze, wo die
Durchsetzung unseres Lebensrechtes, die siegreiche Durchführung des uns
aufgezwungenen Daseinskampfes in Frage steht. Kein amerikanisches
Lebensinteresse zwingt den Präsidenten zu einem kriegerischen
Schritt. Die alten amerik. Grundsätze würden verlangen, daß Amerika die
Völker Europas den schweren Kampf allein durchfechten ließe. Und Billigkeit
würde gebieten, nicht gegen ein Volk Partei zu nehmen, das im Kampf
um sein Dasein steht und Amerika seit Friedrich dem Großen nichts als
Freundschaft erwiesen hat. Aber was wir bisher von Amerika erfahren