54 5. Polenfrage und Enteignungsgesetz.
ich sie in einem kürzlich erschienenen Buch über das polnische Gemeinwesen
im Preußischen Staate finde!), nur zutreffend erscheint. Ich habe in diesem
Hohen Hause schon im Jahre 1902 darauf hingewiesen, wie klar das Polentum
erkannt hat, daß der Grundbesitz schließlich darüber entscheidet, ob unsere
Ostprovinzen deutsch oder polnisch sein werden. Es führt den Kampf um
den Boden daher mit einer außerordentlichen Energie. Eine Organisation
des Kreditwesens auf nationaler Grundlage, die ihresgleichen sucht, eine
geschickte Kombination von genossenschaftlichen Sparkassen und Parzellierungsbanken,
die den letzteren in großem Umfange die Spareinlagen der
polnischen Industricarbeiter und Sachsengänger dienstbar macht, die Hypothekendarlehen
der Landschaft und der deutschen Hypothekenbanken, Darlehen,
die nach Hunderten von Millionen zählen, die durch den wirtschaftlichen
Aufschwung der Ansiedlungsprovinzen und die steigenden Güterpreise
wesentlich erleichterte Geldbeschaffung für zweite Hypotheken, vor allen
Dingen der gesunde Landhunger der polnischen Bevölkerung haben es
den Polen ermöglicht, mit der Ansiedlungskommission erfolgreich in Wettbewerb
zu treten. Sie haben den Verlust an Land, den die Tätigkeit der
Ansiedlungskommission ihnen zunächst brachte, nicht nur auszugleichen,
sondern in einen Gewinn umzuwandeln verstanden. Die Besitzwechselstatistik
ergibt, daß von 1896 bis einschließlich 1906, also in elf Jahren, in
Westpreußen und Posen 75 437 ha mehr aus deutscher Hand in die polnische
übergegangen sind als umgekehrt, und wenn man dazu noch die polnischen
Ankäufe in Ostpreußen, Pommern und Schlesien nimmt, so stellt.
sich der Gesamtverlust auf annähernd 100 000 ha.
(Hört, hört!)
Wer den Verhältnissen fernersteht, wird sich verwundert fragen,
wie dies Ergebnis möglich ist gegenüber den gewaltigen Staatemitteln,
die von der Ansiedlungskommission und dem Domänenfiskus für Ankäufe
aufgewendet worden sind, und mit denen sie ein Arcal von zirka 450 000 ha
für den Staat erworben haben. Die Erklärung liegt darin, daß die polnischen
Güterspekulanten und Parzellierungsinstitute in der Lage sind, fast
jedes von ihnen erworbene Gut vorteilhaft zu verwerten. Denn der kleine
polnische Mann, der fast ausnahmslos danach strebt, mit seinen Ersparnissen
in der Heimat ein Stück Land zu erwerben, scheut sich vor harten
Zahlungsbediungungen nicht und trägt die Restkaufgelder in der Regel
1) L. Bernhard, Das polnische Gemeinwesen im Preußischen Staate. Leipzig
1907.