Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

23]  Die  wichtigsten  deutschen  Seehandelsstädte.  449

9.  Ortslage.

Wenn  wir  uns  jetzt  der  mehr  besonderen  Lage  unserer  Städte
zuwenden,  den  Lagemerkmalen  ihres  Bauplatzes  und  ihrer  nächsten
Umgebung,  so  können  wir  darin  im  wesentlichen  der  bereits  erwähnten
vortrefflichen  Arbeit  von  F.  G.  Hahn  über  „die  Städte  der  norddeutschen
‚Tiefebene*  folgen.

Ein  schon  auf  einer  Karte  von  kleinem  Maßstabe  erkennbares
Hauptmerkmal  in  der  besonderen  Lage  der  großen  deutschen  Seestädte
besteht  darin,  daß  dieselben  nicht  unmittelbar  am  Meere  liegen,  sondern
ein  mehr  oder  weniger  bedeutendes  Stück  landeinwärts.  Die  Entfernung
von  Hamburg  bis  Cuxhaven  beträgt  108  km,  von  Bremen  bis  Bremerhaven
  70  km  (Bremerhaven  liegt  aber  noch  nicht  am  äußersten  Punkte
der  Wesermündung),  von  Stettin  bis  Swinemünde  68  km,  von  Königsberg
  bis  Pillau  40  km,  von  Lübeck  bis  zum  innersten  Winkel  der
Lübecker  Bucht  23  km;  Kiel,  obwohl  nicht  Flußmündungsstadt,  bildet
einen  analogen  Fall,  denn  es  befindet  sich  am  hintersten  Ende  der
15  km  langen  Förde.  Nur  Danzig  ist  mit  etwa  91%  km  dem  Meere
so  nahe  gelegen,  „daß  seine  Türme  als  Seezeichen  dienen  können“.
Der  Grund  für  dieses  Binnenwärtsliegen  ist  hauptsächlich  ein  dreifacher.

Einmal  liegen  die  Städte  so  gesichert  vor  Seeräubern,  die  im
frühen  Mittelalter  die  Nord-  und  Ostsee  und  besonders  deren  Flußmündungen
  unsicher  machten.  Lübeck  wurde  beispielsweise,  nachdem
es  an  seinem  früheren  Platze  mehrmals  zerstört  worden  war,  weiter
landeinwärts  gelegt  an  seinen  jetzigen  Ort).

Zweitens  liegen  die  Städte  so  an  einer  Stelle  des  Stromes,  an  der
sich  schon  immer  infolge  der  Meeresnähe  eine  Zunahme  der  Wassertiefe
  geltend  machte,  bis  zu  der  deshalb  die  kleinen,  ja  nur  der
Küstenfahrt  dienenden  Seefahrzeuge  gewöhnlich  gelangen  konnten.  Jedoch
  muß  man  in  der  Betonung  dieses  Umstandes  vorsichtig  sein
und  darf  sich  nicht  verleiten  lassen  durch  die  jetzigen  Zustände,  die
allerdings  so  sind,  dass  die  Seestadt  meist  den  Endpunkt  der  Seeschiffahrt
  und  den  Beginn  der  Flußschiffahrt  bezeichnet.  Bremen  war
nsch  Hahn  immer  von  seinen  Vorhäfen  abhängig  und  kann  erst  in
der  neuesten  Zeit,  und  auch  da  nur,  wie  wir  sahen,  in  sehr  beschränktem
Maße,  als  Endpunkt  der  Seeschiffahrt  angesehen  werden.  Dagegen  läßt
sich  vielleicht  für  diese  Stadt,  deren  Lage  geographisch  überhaupt
schwer  zu  begründen  ist,  der  Umstand  anführen,  dass  sie  wahrscheinlich
  von  jeher  das  Ende  der  Flußschiffahrt  bezeichnete.  Die  kleineren
Fahrzeuge  wagten  sich  des  ungefähr  bei  Bremen  beginnenden  größeren
Wellenschlages  wegen  nicht  weiter  thalwärts.  Da  aber  die  Seeschiffe
nur  bis  Brake  gelangen  konnten,  so  mußte  die  zwischen  beiden  Orten
bestehende  Lticke  durch  mittelgroße  Fahrzeuge  geschlossen  werden,  so
daß  also  Bremen  wenigstens  immer  die  Vorzüge  eines  Umladeplatzes

!)  Zeitschr.  d.  Ver.  f.  Lüb.  Gesch.  u.  Altertumskunde,  Bd.V.  Dr,  W.Brehmer,
Ueber  die  Lage  von  Alt-Lübeck:  „Die  deutsche  Ansiedelung  Alt-Lübeck  lag  am
Ufer  der  Trave  bei  der  Mündung  der  Schwartau“  (8.  13).