Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebenundzwanzigster Jahrgang. 1911. (52)

304  Jie  Sserreichischrunserische  Menarchie.  (Mai  18.—Juni  13.)

sind  vielleicht  die  Meinungen  über  Marokko  da  und  dort  nicht  mehr  die
nämlichen  wie  vor  sechs  Jahren.  Deshalb  wird  auch  die  Beunruhigung,
die  sich  in  der  letzten  Zeit  in  einem  Teile  der  Presse  gezeigt  hat,  unseres
Wissens  von  den  Staatskanzleien  durchaus  nicht  geteilt.  Maßgebend  für
die  Beurteilung  der  Situation  bleibt  einzig  und  allein  die  früher  erwähnte
Uebereinstimmung  zwischen  den  Mächten  in  der  Auffassung  der  französischen
Maßnahmen  in  Marokko  und  der  Aufnahme  der  sie  begleitenden  Erklärung
der  französischen  Regierung.  Der  Standpunkt  des  Wiener  Kabinetts  kann
daher  von  dem  der  übrigen  Kabinette  um  so  weniger  abweichen,  als  Oesterreich--Ungarn
  sich  mit  Kolonialpolitik  nicht  beschäftigt  und  nicht  jene  direkten
Interessen  in  Marokko  erblickt  wie  die  Staaten,  welche  Besitzungen  in
Afrika  haben.  Vollends  muß  unter  diesen  Umständen  schon  die  Annahme
von  Meinungsverschiedenheiten  zwischen  Wien  und  Berlin  als  unsinnig
empfunden  werden.“

18.  Mai.  (Wien.)  Hofoperndirektor  Gustav  Mahler  1f,
51  Jahre  alt.

22.  Mai.  (Wien.)  Gründung  des  „deutsch-böhmischen“  Bundes
mit  dem  Ziel  der  Autonomie  Böhmens.

24.  Mai.  (Budapest.)  Der  ehemalige  Ministerpräsident
Desider  Bauffy  1.  68  Jahre  alt.

Er  war  vom  25.  Januar  1896  bis  zum  26.  Februar  1899  ungarischer
Ministerpräsident  und  begründete  im  März  1906  die  „Neue  Partei“,  die
sich  prinzipiell  den  Wünschen  des  Kaisers  akkommodierte.

24.  Mai.  (Agram.)  Der  ehemalige  Landtagsabgeordnete
Ivan  Persitsch  ist  unter  der  Anschuldigung  des  Verbrechens  der
Aufwiegelung  verhaftet  worden.

26.  Mai.  (Krakau.)  Russische  Geheimbündler.

Beginn  eines  Prozesses  gegen  sechs  aus  Russisch-Polen  stammende
Studenten  der  Universität,  die  beschuldigt  werden,  einen  Geheimbund  zur
Veranstaltung  von  Anschlägen  gegründet  zu  haben.  Bei  der  Durchsuchung
ihrer  Wohnungen  wurden  Bomben  und  Explosivstoffe  gefunden.

31.  Mai.  (Königinhof.)  Bei  den  Vorbereitungen  für  die
Reichsratswahlen  verkündet  der  tschechische  Kandidat  Graf  Adalbert
Sternberg,  daß  die  1817  von  Hanka  gefälschte  Liederhandschaft  von
Amts  wegen  als  echt  erklärt  werden  soll.  (Vgl.  19.  Dezbr.)

6.  Juni.  (Wien.)  Eröffnung  des  Testaments  Johann  Orths,
des  für  tot  erklärten  früheren  Erzherzogs  Johann  Nepomuk  Salvator.
(Vgl.  9.  Mai.)

13.  Juni.  (Cisleithanien.)  Reichsratswahlen.

Christlich-Soziale  68,  Deutsch-Freiheitliche  47,  Sozialdemokraten  44,
Tschechen  55,  Südslaven  26,  Deutsch-Italiener  17,  Polen  15,  Bukowiner
Ruthenen  5,  Alldeutsche  1,  Zionisten  1.  An  136  Stichwahlen  sind  beteiligt:
Sozialdemokraten  und  Deutsch-Freiheitliche  40,  Christlich-Soziale  und
Deutsch-Freiheitliche  22,  Sozialdemokraten  und  Christlich--Soziale  19,
Tschechen  und  Sozialdemokraten  37,  Deutsch-Freiheitliche  mit  anderen
deutschen  Parteien  4,  Slaven,  Liberale  und  Klerikale  2,  Slaven  und