Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebenundzwanzigster Jahrgang. 1911. (52)

Des  Dentshe  Reiq  und  seine  einelnen  Glieder.  (September  10.  16.)  151

Volk  war  doch  ein  anderes  als  das  heutige.  Und  ebenso  ist  es  in  Rußland.
Rußland  hat  jetzt  ein  anderes  Volk  als  vorher.  Es  hat  eine  Art  Parlament,
in  dem  sogar  Sozialdemokraten  sitzen.  Und  trotz  aller  Niederdrückung  der
RNevolution  wird  sie  weitere  Fortschritte  machen.  Unsere  heutige  politische
Situation  ist  mehr  als  ernst.  An  eine  Abrüstung  ist  nicht  zu  denken.  Im
Gegenteil,  ein  Aufrüsten  findet  statt,  und  wir  gehen  einem  Zustand  entgegen,
der,  wenn  es  so  weitergeht,  nur  mit  einer  Katastrophe  enden  kann.  Wir
bekommen  eine  neue  Flottenvorlage.  Genossen,  wenn  es  euch  noch  so  sehr
abgeleugnet  wird,  laßt  euch  nicht  täuschen!  Die  Flottenvorlage  kommt,  trotzdem
  durch  die  Lebensmittelpreise-Steigerung  eine  Hungersnot  bevorsteht.
Die  Teuerung  wird  auch  nicht  mehr  verschwinden.  Die  Preise  gehen  leicht
in  die  Höhe,  aber  schwer  wieder  herunter.  Es  wird  unbedingt  notwendig
sein,  daß  nun  bei  den  neuen  Steuern  endlich  auch  einmal  die  Reichen  drankommen.
  Freilich  wenn  erst  einmal  die  Bourgeoisie  bluten  muß,  dann  hört
der  Patriotismus  bei  diesen  Leuten  auf.  Man  will  das  Strafgesetzbuch
verschärfen.  Die  oppositionelle  Bewegung  wird  man  dadurch  nicht  aufbalten.
  Zum  Schlusse  möchte  ich  noch  auf  die  Aeußerungen  Lebers  eingehen,
  der  von  der  Opposition  und  der  Unzufriedenheit,  die  sich  in  letzter
Zeit  im  Parteileben  bemerkbar  gemacht  hat,  sprach.  Ja,  ja,  man  ist  mit
unserer  Regierung  unzufrieden.  Ihr  Vorstand  ist  natürlich  sehr  gespannt
darauf,  was  da  herauskommen  soll.  Wir  werden  uns  gewiß  unserer  Haut
wehren,  andererseits  wollen  wir  zugeben,  daß  diese  Polemik  ein  Zeichen  von
vebenskraft  innerhalb  der  Partei  ist.  Gewiß  wird  auch  einmal  eine  Regierung
  etwas  bequem,  das  kommt  nicht  nur  bei  den  Sozialdemokraten
vor.  Selbstverständlich  werden  wir  Verbesserungsvorschlägen  nicht  unzugänglich
  sein.  Die  Mehrheit  wird  zu  entscheiden  haben,  und  wenn  sie
entschieden  hat,  dann  werden  wir  ebenso  wie  früher  gemeinsam  und  fröhlich
weiterarbeiten.  Dem  Genossen  Leber  möchte  ich  noch  zurufen,  er  möge  mit
seinen  Wahlhoffnungen  nicht  so  optimistisch  sein.  Das  ist  ein  taktischer
Fehler.  Mancher  General  glaubte  den  Sieg  in  der  Tasche  zu  haben  und
hat  dann  tüchtige  Ohrfeigen  bekommen.  Wir  aber  wollen  tüchtig  arbeiten,
wir  werden  geschlossen  in  den  Wahlkampf  ziehen.

Rosa  Luxemburg  verteidigt  sich  gegen  eine  Schrift  des  Parteivorstandes,
  worin  ihr  Unterschlagung  von  Tatsachen  vorgeworfen  wird.
Darauf  antwortet  ihr  Bebel:  Das  Vorgehen  gegen  die  Genossin  Luxemburg
it  insofern  allerdings  ungewöhnlich,  als  ihr  eigenes  Vorgehen  das  war.
Ihre  Handlung  war  eine  Indiskretion,  und  außerdem  hat  sie  sich  mit  der
Wahrheit  in  Widerspruch  gesetzt.  Es  ist  nicht  die  erste  Indiskretion.  Das
internationale  sozialistische  Bureau  hat  sich  vorgenommen,  deshalb  der  Genossin
  Luxemburg  keine  Mitteilungen  mehr  zu  machen.  Durch  ihre  Verdrehungen
  ist  die  Parteipresse  irregeführt  worden.

Für  die  Stichwahlen  von  Reichstagskandidaten  schlägt  der  Parteivorstand
  vor,  daß  die  Sozialdemokraten  nur  demjenigen  Kandidaten  die
Stimme  geben,  der  sich  verpflichtet:  1.  für  Aufrechterhaltung  des  bestehenden
Wahlrechts  für  den  Reichstag  und  2.  gegen  eine  Beschränkung  des  Vereinsund
  Versammlungsrechtes  und  des  Koalitionsrechtes,  3.  gegen  eine  Verschärtung
  der  sogenannten  politischen  Paragraphen  des  Strafrechts  und
4.  gegen  ein  wie  immer  geartetes  Ausnahmegesetz,  5.  gegen  jede  Erhöhung
der  Zölle  auf  die  Verbrauchsartikel  der  großen  Massen,  6.  gegen  jede  Neueinführung
  oder  Erhöhung  indirekter  Steuern  auf  Verbrauchsartikel  der
großen  Massen  einzutreten  oder  zu  stimmen.  Der  betreffende  Kandidat
!#  zu  ersuchen,  seine  Erklärung  vor  Zeugen  oder  schriftlich  abzugeben.
Stehen  in  der  engeren  Wahl  zwei  Kandidaten,  die  beide  bereit  sind,  für
die  aufgestellten  Bedingungen  einzutreten,  so  ist  der  liberale  dem  nicht-