Full text : Europäischer Geschichtskalender. Dreiundzwanzigster Jahrgang. 1882. (23)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  3—4.)  33

Landsleute  teilzunehmen,  und  entschlossen  sei,  den  Eid  zu  leisten.
Für  Hörlück  ist  eine  Neuwahl  erforderlich.

3  —  4.  Februar.  (Preußen.)  Abg.-Haus:  1.  Lesung  der
Vorlage  betr.  weitere  Verstaatlichung  einer  Reihe  von  Privatbahnen
und  Debatte  darüber.  Die  Vorlage  wird  schließlich  an  eine  Kommission
  von  21  Mitgliedern  gewiesen.

In  der  Debatte  sucht  die  Regierung  nachzuweisen,  daß  die  Gesamteinnahme
  aller  Eisenbahnen  einen  überschuß  von  100  Millionen  Mark  gewähre.
  Wird  die  Verzinsung  der  Eisenbahnschuld  mit  60  Millionen  davon
abgerechnet,  so  erübrigen  noch  immer  40  Millionen,  also  mindestens  der
Betrag,  welchen  die  Verzinsung  der  ganzen  Staatsschuld  erfordert,  und  es
würden  sich  auch  dann  noch  Überschüsse  ergeben.  Der  Minister  der  öffentlichen
  Arbeiten  Maybach  erklärt,  die  Frage  nach  den  Erfolgen  der  bisherigen
  Erwerbungen  hänge  davon  ab,  ob  ein  umfassender  Überblick  überhaupt
  schon  möglich  sei.  Das  Verhalten  der  Privatbahnen  beruhe  nicht  in
der  Befürchtung  vor  der  Verstaatlichung,  sondern  in  der  Spekulation  auf
dieselbe.  Die  Regierung  gewährte  für  den  Bau  von  Sekundärbahnen  umfassende
  Erleichterungen,  mußte  aber  häufig  Anträge  wegen  Vorarbeiten  ablehnen,
  weil  dieselben  von  der  Spekulation  zuweilen  sogar  in  schwindelhafter
  Weise  diktiert  waren.  Die  Tarifermäßigung  müsse  langsam,  nicht
sprungweise  erfolgen.  Die  Differentialtarife  seien  teilweise  aufgehoben  und
konnten  nicht  auf  einmal  beseitigt  werden.  Durch  die  Annahme  der  Vorlage
  werde  die  Regierung  allen  Verdächtigungen  entgehen,  als  ob  sie  ihr
Beaufsichtigungsrecht  im  fiskalischen  Interesse  mißbrauchen  wolle.  Der
Minister  warnt  vor  gewissen  Zeitungsnachrichten,  die  sich  auf  den  Ankauf
von  Bahnen,  beispielsweise  der  oberschlesischen,  beziehen;  an  alle  dem  sei  kein
Wort  wahr.  Es  sei  bereits  Veranlassung  genommen,  die  Staatsanwaltschaft
  auf  dieses  Treiben  aufmerksam  zu  machen.  Es  liegen  weder  wirtschaftliche
  noch  finanzielle  Bedenken  gegen  eine  weitere  Verstaatlichung  vor;
hätte  die  Regierung  dieselbe  noch  weiter  verzögert,  so  würde  sie  sich  eine
schwere  Verantwortung  aufgeladen  haben.  Man  könne  vom  Hause,  wenn  es
die  Vorlage  annehme,  sagen,  es  habe  sich  wesentlich  um  den  Staat  verdient
gemacht.  Inzwischen  sprechen  sich  vorerst  nur  die  konservative  und  die  freikonservative
  Partei  für  die  Vorlage  aus;  alle  anderen  Parteien  halten  noch
zurück  und  reservieren  ihre  Entschlüsse.  Schorlemer-  Alst  (ultram.)  erklärt,
das  Zentrum  werde  die  Vorlage  bei  jeder  einzelnen  Bahn  aufs  objektivste
prüfen  und  von  dem  Ergebnis  der  Prüfung  seine  Haltung  abhängig  machen.
In  dieser  Erklärung  liegt  indeß  eine  bedeutsame  Schwenkung  des  Zentrums
dahin,  daß  es  den  prinzipiellen  Widerstand,  den  es  noch  im  Jahre  1879
der  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen  entgegensetzte,  von  jetzt  ab  aufzugeben
entschlossen  sei.  Um  die  Tragweite  dieser  Erklärung  zu  verstehen,  muß  man
sich  gegenwärtig  halten,  daß  augenblicklich  entscheidende  Schritte  zu  einem
Ausgleiche  zwischen  dem  Fürsten  Bismarck  und  der  römischen  Kurie  im

Zuge  sind.  Herr  v.  Schlözer  ist  nun  in  Rom,  die  Ernennung  eines  Diözesanhauptes
  für  Breslau  ist  bevorstehend  und  schon  in  wenigen  Tagen
kommt  im  Abgeordnetenhause  die  Kirchenvorlage  zur  ersten  Lesung.  Hält
man  dieß  alles  zusammen,  so  ergibt  sich,  daß  das  Zentrum  in  der  Frage
der  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen  den  Preis  für  Konzessionen  bezahlen
will,  welche  Fürst  Bismarck  der  römischen  Kurie  machen  soll.  An  der
schließlichen  Annahme  der  Vorlage  durch  eine  Mehrheit  des  Hauses,  eventuell
auch  ohne  das  Zentrum,  wird  inzwischen  nicht  gezweifelt.

Schulthess,  Europ.  Geschichtskalender.  XXIII.  Bd.  3