Des NVeusche Reich und seine einzelnen Glieder. (November 9.) 201
sondern auch der Voraussicht. Aber die deutsche Politik ist nun auf Jahre
binaus festgelegt worden. Wir haben uns von Aufang an gegen territoriale
Erwerbungen in Marokko ausgesprochen. Auch die Regierung hat
das getan. Auch der Kaiser hat das getan, und auch hier im Hause ist
dieser Standpunkt vertreten worden. Immer ist nur die offene Tür gefordert
worden. Wenn wir das jetzige Ergebnis betrachten, so können
wir sagen: so sah die Hinterlassenschaft aus, die die Liquidatoren nach
190/9 vorfanden. (Zustimmung i. Z.) Der gegenwärtige Herr Reichskanzler
sah die Notwendigkeit neuer Verhandlungen als vorliegend an und
die Verhandlungen sind mit großem Mißbehagen begleitet worden. Das
Unbchagen verwandelte sich in hellen Zorn, als die Ministerrede aus
England zu uns herüberdrang. Die Bewegung, die damals in weiten
Kreisen bemerkt wurde, erinnerte an die Zeiten von 1870. Es war eine
große nationale Bewegung, die man selten erlebt hat. Der Unmut flaute
ab, als der „Panther“ nach Agadir gesandt wurde. Es erschien vielen
von uns, als ob damit eine aktive Politik in Angriff genommen wurde.
(Sehr richtig! r.) Nachträglich schien es aber, als hätte man sich etwas
anders besonnen und als hätte man auch das für einen Fehler gehalten.
In der letzten Zeit ist immer wieder versucht worden, die Entsendung des
Kriegsschiffes nach Agadir als die Absicht zu deuten, wir wollten Land
erwerben und später sei diese Absicht zurückgestellt worden, infolge der
englischen Drohung. Ich habe das niemals geglaubt und das hat der
Reichskanzler heute bestätigt. Es drängt dies die Frage auf, was geschehen
ist, um der englischen Provokation entgegenzutreten. Wir können
doch das nicht ruhig hingenommen haben. (Sehr richtig! r.) Wenn in
England die Absicht bestanden hätte, die Verhandlungen zu stören, so wäre
der Erfolg nicht eingetreten. Der Unmut in Deutschland hat durch eine
Regierungserklärung bisher nicht die Befriedigung erhalten, die er nach
der englischen Ministerrede erwarten durfte. (Sehr richtig! i. Z.) Ich
möôchte wissen, was geschehen ist, daß wir seinerzeit nicht auf die franzosischen
Vorschläge, zu verhandeln, eingegangen sind in dem Jahre 1904
und später. Ein Teil der Presse kann von dem Vorwurf nicht freigesprochen
werden, daß er dazu beigetragen hat, die Schwierigkeiten unserer
deutschen Unterhändler noch zu erhöhen. Die ausländische Presse ging
uns voran. Aber die deutsche Presse hat zum Teil diese Quertreibereien
mit unterstützt. Unsinnige Nachrichten sind von deutschen Blättern aus den
ausländischen entnommen und verbreitet worden.
Zuletzt ist noch der Rücktritt des Staatssekretärs des Kolonialamts
v. Lindequist hinzugekommen, was als Desaven der Politik der Reichskegierung
gedeutet werden mußte. Als es sich darum handelte, ein selbständiges
Kolonialamt zu errichten, haben meine Freunde sehr erhebliche
Bedenken gehabt und haben diese Bedenken gestützt auf die Erfahrungen
#anderer Staaten, weil sie fürchteten, daß Reibungen zwischen dem Auswartigen
Amt und dem Kolonialamt entstehen könnten. (Sehr richtig! i. Z.)
Es ist zu erwägen, ob es nicht nützlich wäre, zu der früheren Einrichtung
zurückzukehren. (Widerspruch b. d. Nl.) Wir sollten aus den eigenen Erlahrungen
vielleicht mehr lernen als aus den fremden. (Große Heiterkeit.)
Nun ist von Indiskretionen von seiten des Kolonialamts gesprochen worden;
aber die Presse und vor allem die offiziöse Presse ist im letzten Sommer
micht auf der Höhe gewesen, und das liegt an den drei verschiedenen Pressebureaus.
Im Reichskolonialamt, im Auswärtigen Amt und Reichsmarineamt
sind eben andere Ansichten vorhanden und gehen in die Oeffentlichkeit.
Tas in ein unhaltbarer Zustand. Es wurde von vollkommener Geheimbaltung
gesprochen, und dabei waren einzelne große Organe doch in der