Full text : Geschichte der königlich Preußischen Armee. Band IV. (4)

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für  ihre  Ausbildung  bisher  nur  die  in  der  Waffe  selbst  entstandenen
handschriftlichen  Instruktionen  gegolten  hatten.  Es  beschränkte  sich
aber  fast  ganz  auf  die  einzelne  Batterie  und  berührte  die  eigentliche
Gefechtstaktik  lediglich  in  dem  beigefügten  Abschnitt  über  die  Gefechtsordnung
  der  Truppenbrigaden,  die  auch  nur  je  eine  Batterie  hatten.
Diese  Batterien  standen  dabei  unter  dem  Befehl  von  höheren  Offi—
zieren  der  anderen  Waffengattungen,  und  die  Wirkung  der  Artillerie
zersplitterte  sich,  während  beim  Gegner,  wie  es  die  Schlachten
Napoleons  zeigen,  eine  größere  Zahl  von  Batterien  unter  einheit—
licher  artilleristischer  Leitung  zusammengefaßt  und  schließlich  zur
Kartätschoffensive  gegen  das  Angriffsziel  vorgeführt  wurde.  Da  die
Beweglichkeit  der  Artillerie  durch  die  neue  Kampfweise,  die  eine
größere  Schnelligkeit  und  Wendigkeit  der  Infanterie  mit  sich  brachte,
an  Bedeutung  gewonnen  hatte,  waren  die  Sechspfünder  das  haupt—
sächliche  Kaliber  geworden.  Ihr  Rollschuß  hatte  gute  Wirkung  bis
1600,  der  Bogenschuß  bis  1200  Schritt  (1200  bzw.  900  m),  die  beste
Kartätschwirkung  reichte  bis  etwa  500  Schritt.  Die  Zwölfpfünder,
die  bis  1806  das  Hauptgeschütz  gebildet  hatten  und  deren  Schwerfälligkeit
  besonders  infolge  der  schlechten  Bespannung  hervorgetreten
war,  hatte  man  auf  eine  Batterie  bei  jeder  Artilleriebrigade  beschränkt
  00).  Im  Kriege  trat  aber  sehr  bald  wieder  der  Wunsch  nach
stärkerer  Wirkung,  besonders  gegen  feste  Ziele  wie  Dorfumfassungen
und  Gehäöfte  hervor,  auch  die  Tragweite  der  Zwölfpfünder  war  größer.
Wo  das  Gefecht  ernst  wurde,  holte  man  Zwölfpfünderbatterien  aus
der  Reserve  hervor,  die  dadurch  ebenfalls  zersplittert  wurde.  Die  Zahl
der  zwölfpfündigen  Batterien  wurde  daher  bald  wieder  vermehrt.
Nach  den  Befreiungskriegen  lauteten  die  Urteile  über  sie  sehr  günstig:
„Von  dem  Wert  dieses  herrlichen  Geschützes  wird  man  im  Laufe
eines  Feldzuges  fast  täglich  durch  den  Augenschein  überzeugt.  Die
Erfahrungen  der  letzten  Kriege  haben  bewiesen,  daß  es  oft  Verläumdung
  ist,  wenn  man  sagt,  die  Zwölfpfünder  können  nicht  mit.
In  der  Wirkung  liegt  die  Ursache  zu  dem  Vertrauen,  welches  die
eigenen  Truppen  zu  ihrer  Artillerie  haben“.  Ein  anderes  Urteil
lautete:  „Den  Soldaten  anderer  Waffen  ist  der  Zwölfpfünder  ein
sehr  geehrtes  wertes  Geschütz,  welches  stets  mit  einem  fröhlichen
Hurrah  begrüßt  wird.  Es  ist  hier  der  moralische  Eindruck,  der  wirkt,
denn  in  Summa  ist  der  Zwölfpfünder  dem  Sechspfünder  so  bedeutend
  nicht  überlegen“"s).

Die  Mängel  der  Ausbildung,  die  sich  aus  dem  Fehlen  einer
Friedensbespannung  bei  der  Fußartillerie  ergaben,  glichen  sich  im
Kriege  von  selbst  allmählich  aus,  die  Geschützführer  wurden  nach
Möglichkeit  beritten  gemacht,  und  das  Aufsitzen  der  Bedienung  auf

*7)  Das  Gewicht  des  vollständig  ausgerüsteten  Sechspfünders  einschl.  Futter
betrug  3410  Pfund,  die  Zuglast  jedes  Pferdes  570  Pfund.  Das  Gewicht  des  Zwölfpfünders
  war  6710,  die  Zuglast  jedes  der  8  Pferde  840  Pfund.

65)  Müller,  Entwicklung  der  Feldartillerie  S.  61.

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