Dentsches Neich. (Juni 16.) 641
der Tat bereit, für die Welt und damit auch für das böse Deutschland
den Frieden wieder herzustellen. Woher kommt denn jetzt plötzlich dem
Präsidenten der Ver. St. seine Kenntnis von jahrzehntelangen Intrigen
Deutschlands? Die Dreibundsverträge und ihr absolut defensiver Charakter
sind doch aller Welt bekannt. Und wenn Präsident Wilson Berlin--Bagdad
besonders betont, so stellen wir ihm anheim, sich von seinen engl. und
russischen und auch von seinen franz. Bundesgenossen über die offenen, von
jeder Intrige freien Abmachungen unterrichten zu lassen, die wir unter
Zuziehung der Türkei über die wirtschaftliche Aufschließung Kleinasiens
getroffen haben oder zu treffen im Begriff waren, als der Krieg ausbrach.
Dringend aber möchten wir dem Präsidenten Wilson empfehlen, sich zugleich
von seinen Bundesgenossen die Verträge vorlegen zu lassen, in denen
sich die Glieder der Entente ihre gegenseitigen Kriegsgewinne zugesichert
haben. Er wird finden, daß — Herr Briand hat das neulich in
einer Geheimsitzung der franz. Kammer zugeben müssen — Frankreich und
mit ihm England Konstantinopel an Rußland, und daß als Gegengabe
Rußland an Frankreich nicht nur Elsaß-Lothringen, sondern das linke Rheinufer
versprochen hat. Er wird ferner finden, daß die Entente für Kleinasien
einen vollständigen Aufteilungsplan aufgestellt hat, dessen Regelung im
einzelnen in den Verhandlungen, die die Westmächte hinter dem Rücken
Rußlands führen, allerdings immer noch Schwierigkeiten begegnet, weil der
ital. Machthunger mehr verlangt, als England und Frankreich gut finden.
Um so größeres Entgegenkommen hat Italien allerdings bei der Zusage
weiter österr.-ung. Ländereien gefunden, ebenso wie das bei Rumänien der
Fall gewesen ist. Recht interessant wird es für die Ver. St. auch sein, dabei
zu erfahren, welche Versprechungen auf Kosten der serb. Alliierten an Bulgarien
als Preis für seinen Eintritt in den Krieg an Seite der Entente
gemacht worden sind. Wenn Präsident Wilson soviel Wert darauf legt,
daß das ganze menschliche Geschlecht genau wisse, für welche Zwecke Amerika
Krieg führt, dann wird er darauf dringen müssen, daß die Kriegsziele seiner
Alliierten durch Publikation der Verträge aller Welt bekannt gemacht werden.
Erst dann wird die Welt klar darüber urteilen können, ob die friedlichen
und freiheitlichen Ziele, die Präsident Wilson. proklamiert, mit den Zielen
der Entente noch vereinbar sind. Und dann wird das Kartenhaus von
dem autokratischen und intrigenhaften Deutschland zusammenbrechen
und an seiner Stelle wird ein Trust von Völkern stehen, die durch
Intrigen der terroristischsten Art immer neue Völker in das Blutbad der
Welt hineinpressen, um die Mittelmächte zu zertrümmern.
Das neue Rußland hat wiederholt erklärt, daß Kriegsziele wie diese
nicht die seinigen sind. Rußland hat vielmehr für seine Wünsche die
Formel eines Friedens ohne Annexionen und Kontributionen
geprägt. Diese Formel bildet keinerlei Hinderungsgrund für einen Frieden
zwischen Rußland und den verbündeten Mächten, die von Rußland nie
Annexionen und Kontributionen gefordert haben. Die Mittelmächte und
ihre Verbündeten wollen vielmehr in freier gegenseitiger Verständigung mit
Rußland durch Ausgleich einen Zustand schaffen, der ihnen fortan ein friedliches
und freundnachbarliches Nebeneinanderleben auf alle Dauer gewährleistet.
Wir möchten glauben, daß diese Erklärungen, wie sie schon in allen
bisherigen Kundgebungen der verbündeten Mächte ausgesprochen wurden,
an Klarheit die Ausführungen des Präsidenten Wilson bei weitem übertreffen.
16. Juni. (Berlin.) Vertretertagung der Natl. Partei.
Nach mehrstündiger Aussprache wird folgende Entschließung einstimmig
angenommen: 1. Die am 16. Juni in Berlin versammelten Mit-Europäischer
Geschichtskalender. LVIII. 41