136 Nas Neutsche Reich und seine einselnen Glieder. (Dezember 2.—5.)
2. Dezember. (Reichstag.) Kolonialer Nachtragsetat:
Eisenbahn Lüderitzbucht-Kubub.
Kommissar Erbprinz Hohenlohe begründet die Forderung mit der
Notwendigkeit, die Hottentoten zu bekämpfen. Die Bahn werde um so
nötiger, als auf dem bisherigen Wege die Rinderpest eingeschleppt sei, der
Transport mit Ochsenwagen also fortfalle. Abg. Erzberger (83.):
Warum sei die Vorlage nicht schon im Mai eingebracht worden? Das
militärische Bedürfnis sei kein ausreichender Grund für den Bau. Habe
die Kolonie überhaupt den Wert, der diese neuen Kosten rechtfertige? Nach
den amtlichen Denkschriften könne man sich kein Bild machen, denn diese
wimmelten von Widersprüchen und Schönfärberei. Die Hafenanlagen in
Swakopmund lägen ganz im argen. Oberst v. Deimling: Er habe fünf
Vierteljahre gegen die Hottentoten kommandiert und könne aus Erfahrung
bestätigen, daß die Verpflegung der Truppen im Süden höchst gefährdet
sei, wenn die Bahn nicht gebaut werde. Abg. Ledebour (Soz.) lehnt die
Forderung wegen der Wertlosigkeit der Kolonie ab und richtet scharfe Angriffe
gegen die Kriegführung Trothas, die barbarisch sei und die Ausrottung
der Herero bezwecke. — In der weiteren Debatte sprechen sich die
Vertreter der Nationalliberalen und Konservativen für die Bahn aus, die
der Freisinnigen wollen die Entscheidung von der Kommissionsberatung
abhängig machen. Nationalliberale und Freisinnige rügen scharf den frühen
Schlut des Reichstags. Nachdem noch eine Reihe Einzelheiten besprochen
sind, wird die Vorlage an die Budgetkommission verwiesen.
3. Dezember. (Sachsen.) In Dresden und anderen großen
Städten finden sozialdemokratische Kundgebungen gegen das bestehende
Landtagswahlrecht statt.
Anfang Dezember. (Preußen.) Der Entwurf eines Volksschulunterhaltungsgesetzes
wird veröffentlicht.
Er führt den konfessionellen Charakter der Volksschule konsequent
durch, die Simultanschulen werden nur als Ausnahmen zugelassen. Außerdem
werden die Rechte der Schulaufsichtsbehörde gegenüber den kommunalen
Schulverwaltungsorganen sehr stark betont.
5. Dezember. (Preußen.) Ministerpräsident Fürst Bülow
eröffnet den Landtag mit folgender Thronrede:
Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtages.
Se. Majestät der Kaiser und König haben mich mit der Eröffnung
des Landtages der Monarchie zu beauftragen geruht. Die Finanzen des
Staates gestalten sich infolge des anhaltenden Aufschwunges des gewerblichen
Lebens und der andauernden Steigerung der Erträgnisse aus den
meisten Staatsbetrieben im allgemeinen fortgesetzt günstig. Die Rechnung
für das Etatsjahr 1904 hat wieder mit einem gegen das Vorjahr allerdings
beträchtlich geringeren Ueberschuß abgeschlossen, und ebenso darf für
das laufende Jahr ein befriedigendes Ergebnis erwartet werden. Der
Staatshaushaltsetat für 1906 hält sich in den Einnahmen und Ausgaben
das Gleichgewicht. Die gesteigerten Einnahmen haben es gestattet, für fast
alle Zweige der Staatsverwaltung Mehraufwendungen in größerem Umfange
in Aussicht zu nehmen. Insbesondere sind Mittel bereit gestellt
worden, um die Wohnungsgeldzuschüsse der Unterbeamten um 50 Prozent
zu erhöhen, sowie um leistungsschwachen Schulverbänden Beihilfen zur
Aufbesserung der Gehaltsbezüge gering besoldeter Volksschullehrer zu ge-