Contents : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6. (6)

302  Frankreich  und  die  Veröffentlichung  der  Schutz-  und  Trutzbündnisse.

August  1866  abgeschlossenen  Garantieverträge  in  Kenntnis  gesetzt.  Anfänglich  nahm  der  französische
  Außenminister  die  Sache  ziemlich  leicht,  doch  beunruhigte  er  sich  noch  im  Verlauf  der

Unterredung  mit  Goltz  immer  mehr  über  die  mögliche  Tragweite  der  Verträge.  Vgl.  den
Bericht  d.  Goltz'  vom  11.  März,  H.  Oncken,  Die  Rheinpolitik  Kaiser  Napoleons  III.,
II,  240  ff.

Ganz  vertraulich.  Berlin,  den  15.  März  1867.

Ew.  pp.  übersende  ich,  dem  von  Ihnen  ausgesprochenen  Wunsche  gemäß,  Abschrift  des
Ihnen  aus  eigenem  Lesen  bereits  bekannten  Allianz-  und  Garantievertrages,  welcher  ganz
gleichlautend  mit  Bayern  am  22.  August,  mit  Württemberg  am  13.  August  und  mit  Baden
am  17.  August  v.  J.  abgeschlossen  worden  ist.  Mit  Hessen-Darmstadt  hat  eine  Verhandlung
über  einen  ähnlichen  Vertrag  gar  nicht  stattgefunden.

Ich  ersuche  Ew.  pp.,  den  Wortlaut  desselben  noch  zurückzuhalten,  bis  ich  Ihnen  eine
weitere  Mitteilung  darüber  zukommen  lasse,  da  mit  den  süddeutschen  Regierungen  noch
Besprechungen  über  den  Zeitpunkt  der  Veröffentlichung  stattfinden.  In  Bayern  und
Baden  erwartet  man  einen  günstigen  Eindrucke  von  dem  Bekanntwerden  dieser  Verträge
und  namentlich  eine  Befestigung  der  Stellung  des  Fürsten  Hohenlohe.

Daß  der  Eindruck  in  Frankreich  ein  sehr  bedeutender  sein  und  die  öffentliche  Meinung
  in  nicht  geringem  Grade  aufregen  werde,  habe  ich  nicht  bezweifelt;  und  ich  bin  mit
Ew.  pp.  einverstanden,  daß  es  sich  nicht  mit  Sicherheit  voraussehen  läßt,  zu  welchen  Entschlüssen
  der  Kaiser  selbst  durch  die  Wirkung  dieses  Eindruckes  geführt  werden  möchte.
Im  ganzen  bin  ich  geneigt  zu  glauben,  daß  die  Wirkung  doch  eine  wesentlich  abkühlende
sein  dürfte,  indem  die  Tatsache,  daß  unmittelbar  nach  einem  mit  Ernst  von  beiden  Seiten
geführten  Kriege  ein  solches  Bündnis  zwischen  den  kriegführenden  Parteien  geschlossen
werden  konnte,  und  zwar  so,  daß  es  nicht  von  dem  siegenden  Teile  dem  unterliegenden
auferlegt  oder  auferzwungen  worden,  sondern  von  dem  letzteren  auf  Grund  der  Überzeugung
von  den  gemeinsamen  Interessen  und  der  Zusammengehörigkeit  begehrt  wurde  —  indem
diese  Tatsache,  sage  ich,  wohl  geeignet  sein  wird,  nicht  nur  der  Regierung,  sondern  auch
den  intelligenteren  Teilen  wenigstens  des  französischen  Volkes  die  Augen  über  die  deutschen
Verhältnisse  und  über  den  Widerstand,  welchen  jeder  französische  Angriff  finden  würde,
zu  öffnen.  Daß  die  französische  Regierung  die  Bedeutung  dieser  Tatsache  würdigen  werde,
mußten  wir  erwarten;  und  die  im  Lauf  der  Unterhaltung  mit  Ihnen  sich  steigernden  Bedenklichkeiten
  des  Marquis  de  Moustier  und  seine  besorgten  Fragen  über  die  Tragweite  der
Verträge  zeigen  dies  deutlich  genug.  Mit  der  Art,  wie  Ew.  pp.  seinen  Bemerkungen  entgegengetreten
  sind  und  die  ganze  Sache  behandelt  haben,  bin  ich  vollkommen  einverstanden;
und  ich  bitte  Sie,  auch  ferner  den  wesentlich  defensiven  Charakter  dieser  Verträge,  welcher
auch  durch  die  ganze,  ebenso  feierlich  von  Seiner  Majestät  dem  Könige  ausgesprochene  als
durch  die  Natur  der  Dinge  bedingte  rein  defensive  Haltung  unserer  und  der  deutschen
Politik  verbürgt  wird,  festzuhalten.

Ich  kann  aber  nicht  umhin,  meine  Verwunderung  über  die  von  dem  französischen
Minister  zur  Schau  getragene  Überraschung  und  Unkenntnis  der  Tatsache  auszusprechen,
da  ich  aus  dem  Verkehr  mit  Herrn  Benedetti  nicht  erst  jetzt,  sondern  schon  seit  Monaten
die  Überzeugung  gewonnen  habe,  daß  die  französische  Regierung,  wenn  auch  vielleicht  nicht
den  Wortlaut,  doch  die  Existenz  und  den  wesentlichen  Inhalt  der  Verträge  kennen  müsse.
Es  scheint  kaum  glaublich,  daß  Herr  Benedetti  seine  eigenen  Wahrnehmungen  und  wenn
auch  nur  Vermutungen  in  Paris  zurückgehalten  habe.  Wenn  er  dieselben  vielleicht  nicht
zum  Gegenstand  offizieller  Berichterstattung  gemacht  haben  sollte.  —  möglicherweise  zu