Befsches Reich. (März 28.) 353
orientierung nach links. Darin hat er allerdings recht, denn nach rechts
geht es gar nicht mehr, da ist man schon an der Wand. Warum streiten
die Parlamente gegeneinander? Es hat sich ein großer vierter Stand gebildet,
der vom Hause ausgeschlossen ist. Diesen hineinzubringen, darum
handelt es sich. Wer diesem Verlangen unfreundlich gegenübersteht, sieht
die Dinge nicht richtig an. In die preußische Verwaltung ist eine Einseitigkeit
gekommen, die dem Ganzen nicht zugute kommt. Das zeigt sich
am meisten bei dem Zusammenarbeiten mit dem Reiche. Das Reich ist
nicht mehr eine große Versammlung von Bundesstaaten, es ist eine Sache
in sich geworden; die jetzige große Kraft des Reiches ist eine Folge der
Gesetzgebung des Reiches, namentlich der sozialen Gesetzgebung, die die
Sorge von den Arbeiterfamilien genommen hat. Die ganze Welt erkennt
das als eine große Tat an und sucht das nachzumachen. Sind das nicht
Leistungen eines Volksparlaments? Da soll man es über sich ergehen
lassen, daß in diesem Hause jenes Parlament heruntergesetzt wird? Ein
nicht gewähltes Parlament, ein ernanntes Haus bedarf in ganz anderer
Weise des Vertrauens, weil es nicht alle fünf Jahre gewechselt werden
kann. Es muß seine große patriotische Haltung bewahren, sonst verliert es.
Herzog Ernst Günther zu Schleswig-Holstein: Es ist ein
mißliches Ding, wenn ein Parlament gegen das andere sich äußert. Deshalb
greife ich den Reichstag nicht an. Aber soweit wir berufen sind, mitzustimmen,
ist es unsere Pflicht, zu reden. Deutschland steht geschlossen
da in seiner erdrückenden Mehrheit. Bange Sorge erfüllt uns aber vor
der Zukunft. Der sozialistische Zukunftsstaat, von dem wir im Kriege einen
Vorgeschmack bekommen haben, hat wohl niemand befriedigt bis in die
Reihen der Sozialisten hinein. Man nennt das Kriegswirtschaft, aber
wie weit wird der Geist der Kriegswirtschaft im Frieden fortleben? Gegensätze
zwischen Landwirt, Kaufmann, Erwerbsständen werden sich ergeben;
nicht mehr die Beamten werden die Regierenden sein, sondern die Unzahl
derjenigen, die loyal oder illohal durch die Schlingen der Verordnung hindurchzuschlüpfen
verstehen. Wünscht das Volk etwa, daß die jetzt regierenden
Kreise in dieser Weise ersetzt werden? Auch der Sozialismus wird
sich mit einem solchen Staate nicht befreunden. Es geht eben nicht mit
der Zentralisation kate xochen. Militär= und Zivilbehörden wetteifern mit
Verordnungen. Es begann vor dem Kriege mit der Reichsversicherungsordnung
und hat sich lawinenartig fortgesetzt. Man erstickt unter den
Lawinen von Verordnungen. Die Arbeit des Staates im Kriege ist ganz
riesenhaft, die Kritik ist leicht, die Ausführung schwer; ich möchte den
leitenden Männern keinen Vorwurf machen, daß sie ihre Aufgaben nicht
erfüllt hätten. Ich wende mich nur gegen das System, das nicht durchzuführen
ist. Mit der Zentralisierung im Wirtschaftswesen geht es nicht.
Was das Wahlrecht in Preußen betrifft, so ist nicht zu verkennen, daß
die Krieger anders aus dem Felde kommen, als sie ausgezogen sind. Die
großen Erfolge sind an unserem Volke nicht spurlos vorübergegangen. Daß
es ein schöneres Wahlrecht geben kann als das Dreiklassenwahlrecht, ist
auch von den Konservativen im Abgeordnetenhaus anerkannt worden. Ob
sie denn nun ein schöneres Wahlrecht zutage fördern werden, moöchte ich
noch bezweifeln. Wir werden es abwarten und danach unsere Beschlüsse
zu fassen haben. Die konservative Gesinnung schließt eine Fortentwicklung
nicht aus. Möge unsere große Zeit auch große Männer hervorbringen!
Möge der Tüchtige freie Bahn finden nach der Richtung, daß das alte
Wort Wahrheit erhält: es gibt noch Richter in Berlin. Die Tüchtigkeit
und die Gesinnung müssen entscheidend sein. Landwirte und Arbeiter
stehen sich freier gegenüber als Beamter und Direktor, weil jene auf dem-Europäischer
Geschichtskalender. LVIII. 23