Metadata : Kriegführung und Politik.

Versagen  des  Reichskanzlers.  313

geworden.  Die  einzelnen  Verbände  mußten  immer  häufiger  ein—
gesetzt  werden.  Die  Anspannung  wuchs.  Das  Heer  bedurfte  endlich
der  Klarheit.  Die  O.  H.  L.  mußte  wissen,  was  die  Politik  der  Krieg—
führung  noch  geben  konnte  und  wollte.

Sie  ließ  in  der  Sitzung  des  Kriegskabinetts  am  16.  Oktober
von  ihrem  Vertreter  die  Frage  stellen:

„Wird  das  deutsche  Volk,  nicht  nur  die  Kreise  der  Gebildeten,
sondern  in  seinen  breiten  Massen,  in  dem  Kampf  bis  zum  Außersten
mitgehen,  wenn  es  das  Bewußtsein  hat,  daß  sich  dann  unsere  mili—
tärische  Lage  genügend  verstärkt,  um  das  Eindringen  des  Feindes
über  die  Landesgrenze  zu  verhindern,  oder  ist  die  moralische  Widerstandskraft
  so  erschöpft,  daß  diese  Frage  nicht  unbedingt  bejaht
werden  kann?  Dabei  handelt  es  sich  nicht  um  Zwang,  sondern  um
freien  Willen.“

In  den  Gedankengängen,  in  denen  sich  die  O.  H.  L.  bewegte,
war  diese  Frage  Pflicht,  zumal  nach  ihrer  Auffassung,  hier  mehr
als  je,  der  Krieg  die  äußere  Politik  selbst  sein  mußte.  Die  Mitglieder
des  Kriegskabinetts  kannten  diese  Zusammenhänge  anscheinend  nicht
und  vermochten  sich  nicht  in  ihre  eigene  Lage  und  die  Lage  der  Kriegführung
  hineinzudenken.  Sie  machten  ihr  dagegen  die  ungeheuerliche
  Unterstellung,  als  ob  sie  durch  diese  Frage  die  Verantwortung,
die  sie  für  das  Friedens=  und  Waffenstillstandsangebot  auf  sich  genommen
  hatte,  von  sich  auf  andere  schieben  wollte.  Diese  Unterstellungen
  gelangten  nicht  zur  Kenntnis  der  O.  H.  L.

Am  17.  Oktober  sprach  sich  die  O.  H.  L.  mit  der  Seekriegsleitung,
  die  an  Stelle  des  Admiralstabes  getreten  war,  gegen  das
Fallenlassen  des  U-Bootkrieges  aus.  Sie  stellte  auch  selbst  die  Frage
nach  der  Fortsetzung  des  Krieges.

Der  Kriegsminister  eröffnete  Aussichten  auf  Ersatz;  das  war
der  O.  H.  L.  wertvoller  wie  ein  Arbeiten  mit  dem  Schlagwort
.Levée  en  masse“.  1870  hatte  es  in  Frankreich  seine  Schuldigkeit
getan;  dort  stand  die  Masse  der  Wehrfähigen  noch  willensstark  und
kampffreudig  zur  Verfügung.  Bei  uns  war  1918  die  männliche  Bevölkerung
  schon  stark  ausgekämmt,  in  der  Kriegswirtschaft  beschäftigt
oder  stand  in  breiten  Teilen  dem  Kriege  widerwillig  gegenüber.  Die