— 710 —
abstellten, um die Polen den übrigen europäischen Völkern in der Cultur näher
zu bringen, so fehlte es bald an dem nachdrücklichsten Widerstande nicht. Mit
Eifer nahm Katharina an diesen Streitigkeiten Antheil und spielte hier die Beschützerin
der unterdrückten Menschenrechte; denn laut erklärte sie sich für die
Dissidenten und forderte gleiche Rechte für sie mit den Katholiken, so wie den
Eintritt in den Senat. Auch Friedrich empfahl seinem Gesandten Schritte für
die bedrückten Dissidenten, namentlich die Protestanten zu thun, wie ebenfalls
von Seiten Englands, Dänemarks und Schwedens geschah. Von Wien aus
ergriff man entgegengesetzte Maßregeln; kurz, Polen schien der Tummelplatz der
europäischen Politik werden zu wollen.
Friedrich verband sich noch enger als bisher mit der russischen Kaiserin.
Im Vertrauen auf den Beistand des Königs verlangte diese auf dem im Jahre
1767 zu Warschau berufenen Reichstage die völlige Gleichstellung aller Dissidenten
mit den Katholiken, und als sich eine heftige Opposition, namentlich von
Seiten der Geistlichkeit erhob, so ließ sie durch ihren Gesandten, den Fürsten
Repnin, mehrere Bischöfe und Woywoden festnehmen und nach Sibirien abführen.
Nach dieser unerhörten Gewaltthat einer befreundeten Schutzmacht wurden
am 24. Februar die von dem Reichstage gestellten Forderungen durchgesetzt.
Wie sehr auch immer Leichtsinn und Eigensucht die Herzen der Polen
beherrschten, so erregte doch eine Anmaßung der Art einen allgemeinen Unwillen,
besonders da religiöse Gefühle dabei mitwirkten, und außerdem von Seiten
Frankreichs die Flamme des Widerstandes gegen den Einfluß der nordischen
Mächte geschürt wurde. Man griff zu einem verfassungsmäßigen Gegenmittel;
es bildete sich die berühmte Conföderation von Bar, unter dem mächtigen
Grafen Michael Krafinski, neben welchem Joseph Pulawski und Franz Potocki
die heftigsten Gegner der Czartoryski's und ihrer Reformen waren. Ein Unglück
für Polen war es, daß diejenigen, welche der Stimme der Gesittung und Billigkeit
in ihrem Reiche Gehör verschaffen wollten, zu gleicher Zeit als feile
Diener auswärtiger und eigensüchtiger Gewalthaber gelten mußten. Es erschien
altz Werk aufrichtigen Patriotismus, wenn die Mitglieder der Conföderation
den König selbst als den Förderer des fremden Einflusses zu beseitigen suchten.
Der unglückliche Monarch flehte jetzt den Beistand der Kaiserin an, und Rußlands
Truppen leisteten die gewünschte Hülfe. Die russischen Generale verfolgten
die polnischen Flüchtlinge mit solchem Ungestüm, daß sie bei dieser Gelegenheit
bis weit in das türkische Gebiet hineinschwärmten.
Schon lange hatte man in Konstantinopel mit Unwillen das steigende
Uebergewicht der Russen in Polen gesehen; die türkische Bevölkerung der Hauptstadt,
eingedenk des alten Nationalruhmes und ohne Ahnung, wie sehr sich die
Zeiten geändert hatten, verlangten wüthend Rache mit dem Schwerte, obschon
es an jeder nothwendigen Rüstung fehlte. Der geschäftskundige Großvezier
Muschin Zade wurde abgesetzt, und sein unfähiger, ächt alttürkischer Nachfolger,
Hamza Pascha, ließ dem russischen Gesandten seinen Hochmuth fühlen und ihn