Offizierkorps um die Zeit der ‚„Daily-Telegraph‘‘-Angelegenheit auf Einführung
des parlamentarischen Regimes sich hätte gebrauchen lassen. Zunehmende
Beunruhigung und Besorgnis für die Zukunft freilich war vorhanden.
In diesem Zusammenhang denken wir auch an jene von Tirpitz aufgezeichnete
Äußerung Bismarcks, der reichlich zehn Jahr vor dem ‚‚Novembersturm“
dem Kaiser mit warnender Andeutung sagte: solange er ein
solches Offizierkorps habe, könne er sich allerdings alles leisten.
Wohl die meisten Offiziere, die von den angedeuteten Sorgen und Unzufriedenheiten
bewegt wurden, haben sich, abgesehen von einzelnen Ausnahmen,
nicht klargemacht, was die Unterstellung des Kaisers unter eine
Regierung, die dem Parlament unterstand und aus ihm hervorgegangen war,
bedeuten würde. Man wies bei solchen Unterhaltungen gern auf England
und Frankreich hin, aber — in Deutschland war eben alles anders. Bismarck
hatte gewußt, was er tat, als er die vor dem Untergang stehende preußische
Monarchie in schwersten inneren Kämpfen rettete und als er in seiner Verfassung
des neuen Reiches vor allem die Stellung des Kaisers fundamentierte,
ihm die militärische Kommandogewalt gab und alle jene anderen Rechte
und Befugnisse, welche die Verfassung des Reiches aufwies.
Der Stimmungsausbruch von 1908 wurde von wohl den meisten Monarchisten
in seiner Bedeutung verkannt. Man glaubte oder machte sich
selber glauben, das sei ‚‚alles nicht so schlimm“ gewesen, der Kaiser müsse
sich nur eine längere Zeit zurückhalten, dann käme die Lage wieder ins
gleiche. Die so dachten, sahen nicht, daß es sich nicht nur, vielleicht erheblich
weniger sogar, um die Gefahr für den Kaiser handelte, als vielmehr
um das Kaisertum und schließlich um die Monarchie schlechthin. Auf
Hinweise solcher Art erhielt man die übliche Antwort: da sei keine Sorge
nötig, das deutsche Volk sei ,,monarchisch bis auf die Knochen‘ Tatsächlich
war dem nicht so. Man kann freilich nicht sagen, daB — abgesehen von der
Sozialdemokratie — eine offene bewußt republikanische Bewegung damals
vorhanden gewesen sei. Sehr verbreitet war aber nach rechts bis in die Freikonservative
Partei, die Reichspartei, die Auffassung: ‚die allgemeine Entwicklung‘
dränge unaufhaltsam auf eine Erweiterung der ‚politischen Freiheit
des Volkes‘ hin, um so mehr, als auch die politische Reife des deutschen
Volkes nunmehr in stetigem, schnellem Fortschritt sich befinde. Allgemein
sei das Empfinden und Urteil, daß man zwar Königtum und Kaisertum behalten
wolle, aber dem Volke auf Kosten der Stellung des Monarchen wachsenden
Anteil an der Regierung gewähren müsse. — In zwei Worten:
Kaisertum und Königtum sollen nicht mehr die Achse des Staates und des
Reiches sein, sondern lediglich eine Fahne, die aus dem Dachfirst zu wehen
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