Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

6  Radowitz.

wo  es  sich  um  Deutschlands  geistiges  oder  materielles  Wohl  handle  und
alle  Einrichtungen  befördern,  die  zur  Hebung  des  Gemeinschaftsgefühles
dienen  könnten.

Offenbar  hat  also  Radowitz  zunächst  mehr  an  eine  moralische  Führerschaft
als  an  feste  Verfassungsformen  gedacht;  aber  schon  eine  solche  tatsächlich
leitende  Stellung  Preußens  in  Deutschland  war  doch  nur  schwer  vereinbar
mit  einem  österreichischen  Kaisertum,  wie  es  Friedrich  Wilhelm  erträumte.
Ich  finde  nicht,  daß  Radowitz  sich  über  diese  Gedanken  seines  Freundes
jemals  zustimmend  geäußert  habe:,  so  wenig  wie  der  König  vor  1848  je
ein  Wort  wie  „Hegemonie  Preußens“"  in  den  Mund  genommen  haben  würde.

Für  Radowitz  ergab  sich  aus  seiner  Grundanschauung  ein  wesentlich
anderes  Verhälknis  zu  Österreich.  Er  betrachtet  es  ohne  innere  Sympathie;
er  ist  überzeugt,  daß  man  in  Wien  alles  kun  wird,  um  eine  Steigerung  der
Lebenskraft  des  Bundes  oder  eine  bessere  Befriedigung  der  nationalen
Bedürfnisse  zu  verhindern;  Öfterreichs  Interessen  liegen  nach  seiner  Meinung
  ganz  überwiegend  im  Orient  und  in  Italien,  nicht  in  Deutschland.“
Wolle  man  mit  den  notwendigen  Reformen  warten,  bis  Österreich  sie  aus
freiem  Entschlusse  gut  heiße,  so  werde  niemals  etwas  zustande  kommen.

Daher  dringt  Radowitz,  als  er  vom  Könige  gleich  nach  dessen  Regierungsantritt
  um  Rat  gefragt  wird,  darauf,  daß  Preußen  zwar  für  die  notwendigen
Reformen  Österreichs  Justimmung  zunächst  zu  gewinnen  suchen,  aber  auch
keinen  3weifel  darüber  lassen  müsse,  daß  es  ohne  Rücksicht  auf  den  Kaiserstaat
  vorgehen  werde,  wenn  dieser  seine  Mitwirkung  ablehnen  sollte.  Wenn
Preußen  das  tut,  was  die  ganze  Nation  erwartet  und  begehrt,  wird  Österreich
keinen  Widerstand  wagen.5  In  diesem  Sinne  sprach  er  schon  im  Oktober
1840  zu  Mekternich,  als  er  zu  einer  Vereinbarung  über  gemeinsame  Verkeidigungsmaßregeln
  nach  Wien  geschickt  war.s  Er  wiederholte  es  in  seiner
Denkschrift  über  die  Notwendigkeit  eines  gemeinsamen  deutschen  Eisenbahn-1

  Hassel  205  f.  schwäche  m.  E.  die  Tragweite  dieser  Außerungen  zu  sehr  ab.  Vgl.  auch
die  ähnlichen  Gedanken  in  Radowitzens  Selbstblographie  (Hassel  66;  dieser  Teil  ist  ebenfalls
1839  geschrieben).

*  Radowitz  schildert  in  der  Selbstbiographie  (a.  a.  O.  75f.,  geschrieben  wohl  1841)  das
deutsche  Programm  des  Königs  und  bemerkt,  man  könne  seiner  Gedankenwelt  „Bewunderung
nicht  versagen".  Ich  glaube  aus  der  Art,  wie  er  sie  darstellt,  erhebliche  Jwelfel  an  der  Aussübebarkeit
  der  könlglichen  Gedanken  herauszuhören.  Jedenfalls  werden  sie  nicht  ausdrücklich
gebilligt.  Auch  wenn  Radowih  (a.  a.  O.  74)  vom  „preußisch-deutschen  Interesse“  spricht,
klingt  hindurch,  daß  er  mehr  vom  preußischen  Standpunkt  aus  die  deutschen  Interessen  beurtellt.
  Dgl.  auch  a.  a.  O.  104.

Celbstbiographie  a.  a.  O.  66.

a.  a.  O.  87.

Hassel  1,  8).

EG.  a.  D.  1.  J10.