284
mehr die Gestalt, als ob fuͤr die Vornehmen und Reichen
ein besonderer Himmel zu erwarten waͤre.
Man hatte im dreizehnten Jahrhundert hie und da sowohl
in Teutschland als Frankreich und England Uebersetzungen
der Bibel in die Muttersprache erhalten, und da die
Laien mit Begierde auf ein Buch hinfielen, das, großentheils
Geschichte in natuͤrlicher Einfalt erzaͤhlt, auch auf den unwissenden
Haufen wirken konnte, da jedem der nur einen
Blick in dieses Buch warf, der Gegensatz seines Innhalts
mit der ganzen damals herrschenden Religion auffiel, so
wurde auf Concilien verboten, daß ein Laie die Bibel in der
Muttersprache lesen solle. "
Ein irrthumvolles Gewebe von Sätzen, deren praktischer
Theil größtentheils ganz darauf abzweckte, die Clericos als
Deos minaorcs zu zeigen, alles für sie einträglich zu machen,
sollte Religion seyn? Und so war das, was etwa mehr zur
bloßen Lehrmeinung gerechnet werden konnte, nichts anders
als unsinniges Fragen über Dinge, in welchen man nicht
klug werden kann, wenn man Jahre lang disputirt, weil sie
gar nicht Object menschlicher Nachforschung seyn können.
Sie zerbrachen sich die Köpfe um ausfindig zu machen, wie
es möglich sey, daß Christus ohne Sünde habe geboren werden
können, und geriethen darauf, seine Mutter müsse ohne
Sünden gewesen seyn. Ohne wirkliche Sünde gab ein Theil
zu, aber nicht ohne Erbsünde; auch ohne Erbsünde behaupteten
die Franciscaner, und es war ihnen dabei so ernst, daß
sie es recht zum charakteristischen Dogma der vollkommenen
Orthodorie machten.
Was konnte Volksunterricht in der Religion seyn, da
die wichtigsten Religionshandlungen in einer Sprache vorgenommen
wurden, welche das Volk gar nicht verstand, da zu