Full text : Das Staatsrecht des Königreichs Bayern.

182  Vierter  Abschnitt:  Das  Finanzrecht.  III.  Das  Budget.  §  59.

2.  bezüglich  der  ständig  in  die  Staatskasse  fließenden  indirekten  Steuern  und  sonstigen
Abgaben,  die  nicht  direkte  Steuern  im  Sinne  der  Verfassungsurkunde  sind;

3.  nunmehr  auch  bezüglich  der  dem  Staate  vom  Reiche  überwiesenen  Erträgnisse  von
Reichssteuern  und  Zöllen.

Das  Recht  des  Landtages,  das  Budget  zu  prüfen,  bekommt  seinen  staatsrechtlichen
Inhalt  durch  den  verfassungsmäßigen  Zweck  dieses  Rechtes.  Dieser  Zweck  ist,  wie  bereits
erwähnt,  der,  zu  bemessen,  in  welcher  Höhe  die  Erhebung  jener  Steuern  notwendig  ist,  die
der  periodischen  Willigung  durch  die  Kammern  unterliegen.

Bei  seiner  Budgetprüfung  ist  aber  der  Landtag  nach  einer  doppelten  Richtung  beschränkt.


Er  muß,  was  die  Einnahmen  betrifft,  als  feststehend  jene  annehmen,  welche  unabhängig
  von  seiner  Willigung  der  Staatskasse  ständig  zufließen.  Er  kann  hier  seine  Prüfung
nicht  auf  die  Frage  erstrecken,  ob  diese  Einnahmen  wirklich  zu  erheben  seien,  sondern  nur
darauf,  ob  sie  richtig  geschätzt  sind  ¹).

Er  muß  ferner,  was  die  Ausgaben  anlangt,  als  feststehend  jene  annehmen,  welche
gesetzlich  notwendig  sind,  d.  h.  welche  zur  Erfüllung  einer  materiell  oder  auch  nur  formell
gesetzlichen  Vorschrist  gemacht  werden  müssen.  Er  kann  auch  hier  seine  Prüfung  nicht  auf
die  Frage  ausdehnen,  ob  diese  Ausgaben  überhaupt  zu  machen  seien,  sondern  nur  darauf,
ob  sie  richtig  angesetzt  sind.  Für  die  Notwendigkeit  einer  Ausgabe  bildet  aber  nicht  etwa
das  Bestehen  einer  gerichtlich  klagbaren  Verpflichtung  des  Staates  das  entscheidende  Merkmal.
  Ausschlaggebend  ist  vielmehr  die  staatsrechtliche  Notwendigkeit,  d.  h.  die  Unumgänglichkeit
  der  Ausgabe  zur  Erfüllung  eines  gesetzlichen  Staatszweckes.

Für  das  Prüfungsrecht  des  Landtages  scheiden  sich  also  die  Staatsausgaben  in  zwei
Gruppen:  solche,  die  zur  Durchführung  der  Gesetze  erforderlich,  und  solche,  die  hiezu  nicht
erforderlich  sind.  Dort  erstreckt  sich  die  Prüfung  des  Landtages  nur  auf  die  Höhe  des
Bedarfes,  hier  auf  Zweck  und  Höhe  des  Bedarfes.

Indessen  kann  diese  Scheidung  tatsächlich  nur  in  einer  beschränkten  Anzahl  von  Fällen
ein  Kennzeichen  gewähren,  das  über  allen  Zweifeln  steht.

Es  gibt  allerdings  Ausgaben,  deren  Notwendigkeit  und  Höhe  feststeht  oder  deren
fakultative  Natur  außer  Frage  ist.  Dazwischen  aber  liegt  ein  weites  Gebiet  staatlicher
Tatigkeit,  wo  zwar  der  zu  erreichende  Zweck  gesetzlich  feststeht,  der  Bedarf  nach  Art  und
Maß  aber  nicht.  Es  handelt  sich  in  solchen  Fällen  —  und  diese  sind  praktisch  gerade  die
wichtigsten  —  darum,  welche  Ansgaben,  beziehungsweise  Einrichtungen,  zur  wirksamen  und
zweckmäßigen  Ausführung  der  Gesetze  erforderlich  sind.  Die  Antwort,  welche  die  Regierung,
  und  jene,  welche  der  Landtag  auf  eine  solche  Frage  gibt,  sind  an  sich  einander  gleichwertig.
  Es  geht  nicht  an,  zu  sagen,  daß  hier  die  alleinige  Entscheidung  der  Krone  maßgebend
  sei;  es  geht  aber  ebensowenig  an,  die  Ausicht  des  Landtages  als  ausschlaggebend
zu  betrachten.  Und  dasselbe,  was  im  Verhältnisse  des  Landtages  zur  Regierung,  gilt  auch
im  Verhältnisse  beider  Kammern  zu  einander,  deren  übereinstimmende  Beschlüsse  erst  die
Willensäußerung  des  Landtags  darstellen.

Die  Möglichkeit  unausgleichbarer  Meinungsverschiedenheiten  ist  also  gegeben.  Indessen
  verringert  sich,  wenn  man  näher  zusieht,  das  Gebiet  dieser  Möglichkeit  dem  ersten
Eindrucke  gegenüber  ganz  bedeutend.

Der  Voranschlag  über  die  Ausgaben  einer  Finanzperiode  enthält  nämlich  neben  den
Ausgaben  vorübergehender  Natur  überwiegend  solche,  die  zur  Befriedigung  dauernder
Staatsbedürfnisse  bestimmt  sind.  Die  zeitliche  Wirkung  der  Anerkennung  eines  Bedürfmsses
  durch  den  Landtag  muß  nun  notwendig  so  weit  sich  erstrecken,  als  die  Dauer  des

  1)  Der  Landtag  ist  also  insbesondere  nicht  befugt,  im  Wege  der  Schätzung  rechtmäßige  Verfügungen
  der  Staatsregierung  über  die  Verwaltung  des  Staategutes  wegzutilgen.