Full text : Lesebuch zur Geschichte Bayerns.

96.  Vor  fünfundzwanzig  Jahren.  475

sterbe,  dann  ist  der  König  von  seinen  Leiden  erlöst!“  Etwas  später  richtete
er  sich  auf  dem  Lager  in  die  Höhe  und  sprach  mit  fester  Stimme:  „Allen,
allen  in  München  meinen  Dank!“  Nach  Mitternacht  erwachte  er  nochmals
aus  der  Betäubung  und  sagte:  „Ein  Uhr,  und  ich  bin  noch  nicht  tot!“  Das
waren  seine  letzten  Worte.  Am  nächsten  Tage  blieben  seine  Sinne  umnachtet.
Noch  einmal,  als  ihm  am  29.  Februar  frühmorgens  die  letzte  Olung  gereicht
wurde,  schien  er  zur  Besinnung  zu  gelangen,  doch  bald  darauf  um  8  Uhr
35  Minuten  entschlief  er  ruhig  —  ohne  Todeskampf.  Tieferschüttert  knieten
die  beiden  Söhne  am  Sterbelager.

Die  Leiche  wurde  einbalsamiert;  dann  blieb  sie,  bis  die  mit  der  Abholung
nach  München  beauftragte  Hofkommission  unter  Führung  des  Hofmarschalls
Freiherrn  v.  Laroche  in  Nizza  eintraf,  im  Totenhause  auf  dem  Paradebett
ausgestellt.  Das  Antlitz  des  Toten  war  nicht  entstellt,  sondern  durch  einen
rührenden  Zug  von  Milde  verschönt.

Am  6.  März  wurden  die  Exequien  mit  solcher  Pracht  und  unter  so
lebhafter  Beteiligung  der  Bevölkerung  abgehalten,  als  gälte  es  einem  Fürsten
des  Landes  die  letzte  Ehre  zu  erweisen;  der  Reèe  amante  delle  belle  arti
genoß  ja  in  ganz  Italien  einer  großen  Popularität.  Kaiser  Napoleon  III.,
der  schon  während  der  Krankheit  des  Königs  Beweise  seiner  Teilnahme  gegeben
hatte,  ließ  sich  bei  der  Trauerfeier  durch  seine  persönlichen  Adjutanten,  General
Reille  und  Herzog  von  Elchingen,  vertreten.  Die  gesamte  Garnison  von  Nizza
wurde  zur  Spalierbildung  aufgeboten;  eine  französische  Fregatte,  die  eigens
von  Toulon  herübergekommen  war,  stellte  sich  gegenüber  der  Behaufung  des
Königs  auf,  hißte  am  Hauptmast  die  bayerische  Flagge  und  gab,  solange  die
Exequien  dauerten,  Trauersalven.  Um  10  Uhr  wurde  die  Leiche  vom  Klerus
unter  Führung  des  Bischofs  von  Nizza  abgeholt;  auf  einem  von  acht  Rappen
gezogenen  Tranerwagen  wurde  sie  unter  dem  Geläute  aller  Glocken  nach  dem
Dom  gebracht,  viele  Offiziere,  Beamte,  Bürger  und  Fremde  gingen  in  feierlichem
  Zuge  mit.  Nachmittags  brachte  wieder  ein  prächtiger  Kondukt  den
Sarg  zum  Bahnhof;  eine  große  Menschenmenge  gab  auch  dahin  das  Geleite.
Die  Reise  ging  über  Marseille,  Lyon,  Straßburg  und  Ulm;  in  allen  größeren
Städten  wurde  die  Königsleiche  mit  Trauermusik  begrüßt  und  durch  Kranzspenden
  geehrt.

Längst  hatte  Ludwig  für  sein  Begräbnis  alle  Anordnungen  getroffen.
Seine  sterblichen  Überreste  sollten  an  der  Seite  seiner  Gemahlin  Therese  in
der  mit  schlichtem  Marmorsarkophag  geschmückten  Gruft  in  der  Basilika  bestattet,
an  Stelle  des  nach  Altötting  gebrachten  Herzens  sollte  sein  Trauring  gelegt
werden.

Am  9.  Mäzz  setzte  sich  von  der  Hofkapelle  aus  der  Leichenzug  in  Bewegung;
  der  Verstorbene  selbst  hatte  den  Weg  vorgezeichnet,  auf  welchem  er
als  „stiller  Mann“  zur  Gruft  gebracht  sein  wollte.  Ein  königlicher  Weg!
Der  Trauerzug  durchquerte  die  prächtige  Ludwigstraße,  welche  ihre  Anlage  und