172 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Dezember 5. 6.)
weshalb wir unsere Wehrkraft noch zu verstärken brauchten. Nun, wir
haben keinen Grund, an der Aufrichtigkeit der Friedensversicherungen zu
zweifeln, die die Regierungen der großen Mächte abgegeben haben. Die
Regierungen, Fürsten und Staatsmänner sind von dem aufrichtigen Wunsche
erfüllt, den Frieden aufrecht zu erhalten. Ich kann noch hinzufügen, daß
die zwischen den Mächten bestehenden Allianzen sich mehr und mehr als
Instrumente des Friedens bewährt haben. Wie sehr das von dem Dreibund
gilt, habe ich mehr als einmal dargelegt. Auch die französischrussische
Allianz hat sich als friedenerhaltend bewährt, indem sie auf gewisse,
weniger friedliche Elemente in Frankreich einen wohltätigen Einfluß
ausgeübt hat. Wir hoffen, daß auch die französisch-englische Annäherung
von friedenerhaltender Wirkung sein werde. Für Deutschland dürfen wir
wohl das Verdienst in Anspruch nehmen, daß es Dank der Friedenspolitik
unseres alten Kaisers und seines großen Kanzlers den Grund zu der langen
Friedensepoche gelegt hat. Ich würde aber nicht meine Pflicht als auswärtiger
Minister erfüllen, wenn ich die Augen verschließen wollte, daß es
in Europa auch Unterströmungen gibt, die zu kriegerischen Verwicklungen
drängen. Denken Sie an die Revanchegelüste in Frankreich. Wir haben
den innigen Wunsch, daß sie sich mehr und mehr verflüchtigen mögen, aber
so optimistisch wie der Abg. v. Vollmar vermag ich die Situation jenseits
der Vogesen doch nicht anzusehen. Wenn Sie denken an die Hetzereien
englischer Zeitschriften und Journale und an andere analoge Erscheinungen,
so werden Sie mir zugeben, daß es weder in der Welt an Zündstoff fehlt,
noch an Leuten, die Lust hätten, diesen Zündstoff zur Flamme zu entfachen.
Eins ist sicher: wenn Deutschland seit einem Menschenalter der
Mittelpunkt friedlicher Bestrebungen gewesen ist, so konnte es dies nur
sein dank seiner Stärke. (Zustimmung.) Die Schwäche unseres Volksstammes
würde sofort kriegerische Begehrlichkeit und Neigungen wachrufen.
Die Schwäche Deutschlands würde nicht nur für uns eine Gefahr sein,
sondern auch für den europäischen und den Weltfrieden, den wir alle aufrecht
erhalten möchten. (Lebhafter Beifall.)
Abg. Stöcker (wild): Die Bekämpfung der Sozialdemokratie sei
eine der wichtigsten Aufgaben in ganz Deutschland, denn es handle sich
hier um Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes und Vaterlandes. Die
einzige Möglichkeit, wie man hoffen könne, der sozialdemokratischen Volksverderbnis
wirksam entgegenzutreten, sei die, daß man die Arbeiter, die
mit den anderen bürgerlichen Kreisen in Frieden leben wollen, unterstütze,
und wenn sie berechtigte Forderungen aufstellen, ihnen helfe. Es müßte
viel mehr geschehen, um die christlich-nationale Arbeiterbewegung zu fördern,
wie sie im Frankfurter Kongreß Widerhall gefunden hat: Ausbau
des Koalitionsrechts, Freiheit der Berufsvereine u. s. w. ist das Mindestmaß,
was wir zu fordern haben, ferner Arbeitskammern, nicht Arbeiterkammern,
nämlich Kammern, bestehend aus Arbeitgebern und Arbeitern.
Das sind Gedanken, wie sie schon in der alten kaiserlichen Botschaft zum
Ausdruck gekommen sind. — Am 10. Dezember verleugnet Abg. Bebel
(Soz.) den Artikel der „Leipziger Volkszeitung“ und polemisiert gegen die
bürgerliche Presse, die mit Verleumdungen gegen die Sozialdemokratie arbeitet.
Hierauf wird der Etat an die Budgetkommission verwiesen.
5. Dezember. (Preußen.) Auf Antrag der Stadtverordneten
wird der Name der Stadt Inowrazlaw in Hohensalza umgewandelt.
6. Dezember. (Berlin.) Das Deutsche Reich und Rußland