Full text : Regierungs-Blatt für das Großherzogthum Sachsen-Weimar-Eisenach auf das Jahr 1864. (48)

durch  eine  neue  Berliner  Mitteilung  gewissermaßen
überrannt  worden.

Wir  anderen  blieben  zurück  in  einem  erregt  wartenden
Empfinden,  daß  irgend  ein  völlig  unvorhergesehener
Zwischenfall  sich  ereignet  und  die  verworrene  und  er—
stickende  Lage  noch  mehr  zerrüttet  haben  müsse.  Unendlich
lang  erschienen  mir  die  wenigen  Minuten,  die  so  vergingen.


Dann  wurden  Schulenburg  und  ich  zum  Kaiser  befohlen.


Wir  fanden  ihn,  bei  aller  äußerlich  gewaltsam  be—
wahrten  Fassung  und  Wurde,  seelisch  aufs  tiefste  erschüttert.
  Und  immer  noch  gleichsam  im  Kampfe  mit
dem  Zweifel,  ob  das,  was  er  soeben  erlebt  hatte,  denn
auch  Wirklichkeit  und  Wahrheit  sein  könne,  sagte  er
uns:  er  habe  soeben  die  Mitteilung  des  Reichskanzler—
amtes  erhalten,  daß  eine  Botschaft  über  seine  Ab—
dankung  als  Kaiser  und  als  König  von  Preußen  und
gleichzeitig  über  meine  Verzichterklärung  im  gleichen
Umfange  vom  Prinzen  Max  von  Baden,  ohne  daß  der
Prinz  die  Erklärung  des  Kaisers  abgewartet  hätte,  über
unsere  Köpfe  weg  ausgesprochen  und  durch  das  Wolff—
sche  Telegraphenbureau  verbreitet  sei  —  daß  der  Prinz
als  Reichskanzler  zurückgetreten  und  zum  Reichsver—
weser  ernannt  und  der  sozialdemokratische  Reichstags—
abgeordnete  Ebert  nunmehr  Reichskanzler  sei.

Wir  alle  waren  von  dem  Schlage  dieser  Nachricht
so  benommen  und  erstarrt,  daß  wir  im  ersten  Augen—
blicke  kaum  fähig  waren,  zu  sprechen.  Dann  aber  ver—
suchten  wir  sogleich,  den  ganzen  beispiellosen  Vorgang
im  Zusammenhange  festzulegen:

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