Inhaltsverzeichnis : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Achtzehnter Jahrgang. 1902. (43)

Das  Heusche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  16.)  107

16.  Juni.  (Nürnberg.)  Feier  des  fünfzigjährigen  Jubiläums
des  Germanischen  Nationalmuseums.

An  der  Feier  nahmen  der  Kaiser,  die  Kaiserin,  Prinz  Luitpold,  der
König  von  Württemberg,  der  Großherzog  von  Baden,  viele  Vertreter  von
Behörden,  Gelehrte  aus  Deutschland,  Oesterreich  und  der  Schweiz  teil.  —
Bei  der  Hauptfeier  im  Museum  verliest  der  Kaiser  folgende  Urkunde:
Wir  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  Deutscher  Kaiser,  König  von  Preußen,
Markgraf  zu  Brandenburg,  Burggraf  zu  Nürnberg  und  Graf  zu  Hohenzollern,
  entbieten  dem  Germanischen  Nationalmuseum  zur  Feier  seines
fünfzigjährigen  Bestehens  Unseren  kaiserlichen  Gruß  und  Glückwunsch.  Ins
Leben  gerufen  durch  die  begeisterte  Hingabe  des  Freiherrn  Hans  von  und
zu  Aufseß,  dessen  Unternehmen  bei  zwei  hochgesinnten  deutschen  Fürsten,
Ihren  Majestäten  den  hochseligen  Königen  Ludwig  I.  von  Bayern  und
Johann  von  Sachsen,  tatkräftige  Unterstützung  fand,  hat  das  Germanische
Museum  nach  dem  Willen  seiner  Begründer  in  einer  Zeit,  da  die  deutsche
Einheit  fern  zu  liegen  schien,  durch  die  Aufdeckung  und  Sammlung  der
Denkmäler  und  Zeugnisse  einer  großen  gemeinsamen  Geschichte,  den  Gedanken
  an  die  Wiedergeburt  des  Deutschen  Reiches  wachgehalten  und  an
seinem  Teile  den  Boden  mitbereiten  helfen,  auf  dem  sich  der  stolze  Bau
des  geeinigten  Deutschland  erheben  sollte.  Von  bescheidenen  Anfängen  ausgegangen,
  ist  das  Germanische  Museum  unter  dem  erhabenen  Schutz  und
der  stets  gleichen  Huld  des  bayerischen  Königshauses,  getragen  von  der
Teilnahme  und  dem  einmütigen  Zusammenwirken  der  deutschen  Fürsten,
des  hohen  Adels  deutscher  Nation,  der  deutschen  Städte  und  Bürgerschaften,
der  alteingesessenen  Geschlechter  der  ehrwürdigen  Stadt  Nürnberg,  sowie
ungezählter  für  die  Wiedererweckung  der  deutschen  Vergangenheit  begeisterter
Männer  und  Frauen  aus  allen  Gauen  Deutschlands,  geleitet  von  Männern
wie  dem  hochverdienten  August  von  Essenwein,  zu  einer  der  hervorragendsten
Sammlungs=  und  Bildungsstätten  Deutschlands  emporgewachsen.  Dank
der  unmittelbaren  Einwirkung  Unseres  in  Gott  ruhenden  Herrn  Großvaters,
  des  hochseligen  Kaisers  Wilhelm  des  Großen  Majestät,  haben
Bundesrat  und  Reichstag  dem  Germanischen  Museum  als  erster  der  vom
neuen  Deutschen  Reich  geförderten  wissenschaftlichen  Unternehmungen  tatkräftige
  Hilfe  geleistet,  und  so  im  Verein  mit  dem  bayerischen  Staat  und
der  Stadt  Nürnberg  die  feste  Grundlage  für  die  gegenwärtige  Größe  und
Blüte  der  nationalen  Anstalt  geschaffen.  Nach  dem  Vorbilde  Unserer  in
Gott  ruhenden  Eltern,  Ihrer  Majestäten  des  Kaisers  und  der  Kaiserin
Friedrich,  deren  teuere  Namen  zum  Dank  und  Zeugnis  für  erfahrene
Gunstbeweise  in  bedeutsamen  Teilen  des  Museums  fortleben,  wollen  Wir
dem  Germanischen  Nationalmuseum  bei  seinem  fünfzigjährigen  Jubiläum
einen  erneuten  Beweis  Unserer  kaiserlichen  Huld  und  Fürsorge  dadurch
gewähren,  daß  Wir  die  Sammlung  deutscher  Kaisersiegel  des  Dr.  Otto
Posse,  welche  die  Entwicklung  der  deutschen  Geschichte  von  den  Tagen  der
Karolinger  bis  zum  Ende  des  römischen  Reiches  deutscher  Nation  eindrucksvoll
  veranschaulicht,  ergänzt  durch  die  Siegel  Ihrer  Majestäten  der
hochseligen  Kaiser  Wilhelms  des  Großen  und  Friedrichs  III.,  sowie  durch
das  von  Uns  geführte  kaiserliche  Siegel  dem  Museum  zum  dauernden
Besitz  überweisen.  Möge  das  Germanische  Nationalmuseum  unter  dem
friedenverbürgenden  Schutze  von  Kaiser  und  Reich,  unter  der  ferneren
Obhut  kunstsinniger  Landesherren,  nach  dem  Beispiel  seines  dermaligen
erhabenen  Protektors,  Sr.  kgl.  Hoheit  des  Prinz-Regenten  Luitpold  von
Bayern,  des  Königreichs  Bayern  Verweser,  unter  der  opferwilligen  Beteiligung
  aller  Glieder  der  Nation  auch  in  Zukunft  wachsen  und  gedeihen