Full text : Geschichte der Hohenzollern.

überdrüssig,  die  Unterhandlungen  abbrach  und  sich  an  den  König  von  Preußen
wendete  (Juni  1755).

Jeder  Unbefangene  wird  bei  einem  Blick  auf  die  politische  Lage  der  Zeit
und  einer  unparteiischen  Beurtheilung  der  Lage  Friedrichs  in  Folge  der  bisherigen
  politischen  Entwickelung  überzeugt  sein,  daß  die  Befürchtungen,  die  man
von  ihm  hegte  oder  zu  hegen  vorgab,  vollkommen  unbegründet  waren.  Nach
den  Erfahrungen,  die  er  bisher  gemacht,  konnte  er  von  keiner  Seite  Unterstützung
  für  neue  Eroberungen,  von  vielen  aber  feindselige  Angriffe  zu  seiner
Demüthigung  erwarten;  im  allerglücklichsten  Falle  war  bei  einem  neuen
Kriege  nur  eine  Gewährleistung  des  schon  Erworbenen  zu  erlangen,  im  unglücklichen
  Alles  zu  verlieren;  darf  uns  seine  bisherige  so  umsichtige  und
besonnene  Politik  deshalb  auf  eine  Neigung  bei  ihm  zum  Kriege  schließen  lassen?

Daß  geheime  Verhandlungen  über  einen  Bund  gegen  ihn  an  den  Häöfen
von  Wien,  Petersburg  und  Dresden  gepflogen  wurden,  konnte  Friedrich  II.
wohl  nicht  entgehen,  und  leicht  begreiflich  ist  es  daher,  daß  ihm  Alles  darauf
ankommen  mußte,  die  Tragweite  dieser  gegenseitigen  Verpflichtungen  kennen  zu
lernen,  damit  er  wußte,  wie  weit  er  seine  Schutzmaßregeln  auszudehnen  habe.
Der  diplomatische  Verkehr  in  jenen  Zeiten  war  aber  auf  Mißtrauen  und  Täuschung
  gegründet;  man  scheute  kein  Mittel  der  List  und  Verstellung.  Auf  Befehl
des  Grafen  Brühl  wurden  schon  im  Jahre  1747  die  Depeschen  des  preußischen
Gesandten  in  Dresden  heimlich  geöffnet  und  sein  Kammerdiener  bestochen,  damit
er  dem  Herrn  die  Chiffre  entwendete.  So  konnte  es  nur  als  Vergeltung  angesehen
  werden,  wenn  seinerseits  der  preußische  Gesandte  den  Kanzellisten  bei  dem
Departement  des  Innern,  Friedrich  Wilhelm  Menzel,  veranlaßte,  ihm  vermittelst
  eines  nachgemachten  Schlüssels  die  wichtigsten  Correspondenzen  aus  dem
Departement  der  auswärtigen  Angelegenheiten  mitzutheilen.  Auch  von  der
öftreichischen  Gesandtschaft  in  Berlin  wußte  man  durch  geschickte  Benutzung  der
Verhältmisse  wichtige  Nachrichten  einzuziehen,  und  über  Alles,  was  in  Petersburg
  geschah,  empfing  Friedrich  II.  fast  direkte  Nachrichten  von  hoher  Hand,
denn  seit  dem  Jahre  1755  stand  der  als  Nachfolger  Elisabeths  bezeichnete
Großfürst  Peter  in  geheimem  Briefwechsel  mit  dem  Könige  von  Preußen,  den
er  als  den  größten  Mann  seiner  Zeit  verehrte.

Thörichte  Fahrlässigkeit  wäre  es  von  Seiten  Friedrichs  gewesen,
mitten  unter  so  viel  Unehrlichkeit  der  ain  zige  Ehrliche  sein  zu  wollen,  und
wenn  er  unter  solchen  Umständen  nicht  auf  die  allerkräftigsten  Sicherheitsmaßregeln
gedacht  hätte.  Glatz,  Neisse,  Kosel,  Brieg  und  Glogau  wurden  stärker  befestigt
und  in  Vertheidigungszustand  gesetzt,  die  Truppen  vervollständigt  und  eifrig
eingeübt,  freilich  für  die  Feinde  ein  Grund  mehr  zu  neuen  Verdächtigungen.
Von  Seiten  Frankreichs  schien  es  darauf  abgesehen,  durch  ein  beleidigendes
Benehmen  das  schon  sehr  gelockerte  Band  vollständig  zu  zerreißen;  man  ußerte
sich  in  Staatsschriften  auf  die  anmaßendste  Weise,  obschon  es  bekannt  war,  wie
empfindlich  der  König  in  Betreff  des  Ehrenpunktes  war,  und  wie  es  ihn  verletzte,