20
zeugen, sondern auch den Leser fortreißen, damit
er tatkräftig zur Abhülfe irdischer Not und sozialen
Wehs und Beseitigung jeglicher Disharmonie bereit
ist. Meisterhaft tritt diese Kunst zu tage in dem
Gedicht:
Topfflicker.
Topfflickermann — — — Todpfflickerfrau,
in Lumpen, zermürbt, zerrissen —
von Staub und Rauch und Regen grau,
verhetzt, vergrämt, verbissen.
Topfflickermann — — — Todpfflickerfrau,
müh'n sich, aus zackigen Stücken
den Topf, wie sie so morsch und rauh,
wieder heil zu flicken.
Topfflickermann — — — Topfflickerfrau,
Was alles die Menschen verderben —I
Wenn ich auf die beiden schau' —
brennen mich ihre Scherben.
Sie wollen auf die Verantwortlichkeit hinweisen,
die die brüderliche Not dem einzelnen auferlegt.
Da im Seelenleben sich alles in lebendigem
Flusse befindet und unablässtg ein Auf= und Abwogen
offenbart, kommt es darauf an, jeden für
derartige Probleme der Humanität aufnahmefähig
zu machen und die Tragik des Lebens zum Bewußtsein
zu bringen. Wer das Menschenleid gewissermaßen
plastisch vor sich sieht, fühlt innerlich
etwas von den brennenden Scherben und wird impulsiv
zum Handeln ergriffen. Mögen wir uns ferner
versenken in das Stück Leben, wie es in den
Gedichten „der Leiermann, „der Flieger“ u. a. sich
darstellt, so tritt uns einerseits der Dichter als
Idealist andererseits als ein geistvoller Denker entgegen,
der die Rätsel des Lebens zu beleuchten und
zu entschleiern sucht.
Mit Rücksicht auf die obigen Ausführungen nach
der sozialen Seite ist unser Urteil über Richters
Lyrik gerechtfertigt, wenn wir ihre Bedeutung zum
Teil dahin zusammenfassen: Der edeldenkenden
Menschheit ist durch die Anthologie insofern ein
Dienst geleistet, als sie zu ernstem Schaffen und
zum Ringen nach hohen Idealen auffordert.
Außer der Stimmungs= und Handlungslyrik finden
wir bei unserm Dichter kostbare Perlen der Gelegenheitsdichtung
— im Goetheschen Sinne, die an
wichtige Lebens= und Familienereignisse (vgl. „Liebeszeit"
und „im kleinen Kreise"“) anknüpft. Sie
entschleiert die Zusammenhänge einer sittlichen
Weltordnung im persönlichen Leben und gewinnt
die Erkenntnis für das Verständnis der göttlichen
Führungen. Die Gelegenheitsdichtung leitet ferner
auch dazu an, durch die Beurteilung des eigenen
Ichs das Labyrinth der Menschenbrust überhaupt
kennen zu lernen um einen jeden im Verkehr mit
anderen besser verstehen zu können.
Da solche seelischen Vorgänge einem
umgrenzten Lebensabschnitt angehören,
bestimmt
so werden
Unser Dommerland.
sie vornehmlich bei denjenigen ähnliche Empfindungen
erzeugen, die sich in gleichen Lagen befinden
oder im reiferen Alter noch einmal voll Dankbarkeit
auf das erfahrene Glück zurückblicken. Gerne
begleiten wir daher den Dichter auf die Höhen, auf
welche ihn die Liebesfreude führte, erraten zart den
Sinn der Bilder im „Schwanenteich" und im
„Aethermeer", um mit ihm Zeuge der Weihestunde
zu werden, von der er im lhrischen Kunstwerk „Im
Dom“" zu singen weiß. Es lautet:
Hell klingen Kinderstimmen
vom hohen Kirchenchor,
auf Weihrauchwolken schwimmen
schweigende Wünsche empor,
schräg durch vielfarbige Scheiben
streift buntes Sonnenlicht,
und lärmendes Straßentreiben
verhallend sich draußen bricht.
Wir fügen die heißen Hände
zitternd in einand:
Daß doch das Leben jetzt ende,
nun es sein Leben fand!
Wenn es doch selig zerginge,
eh' es der Alltag zerbricht!
Steig', Seele, verlodre, verklinge
mit Wolke und Ton und Licht!
Was der Dichter damals persönlich erhoffte, hat
sich herrlich erfüllt. Die Seelenharmonie ist für
beide zu einem Jungbrunnen, zur Kraftquelle eines
gegenseitigen, tatenfrohen Schaffens geworden, das
den Egoismus ausschließt und nur die eine Sehnsucht
kennt, wie hier so auch droben einst vereinig!t
zu werden. Das bezeugt das Gedicht:
„Trost.“
O sag' mir nichts von Scheiden —
und klag' mir nichts von Tod! — —
Wir bleiben eins — wir beiden —
auch durch die letzte Not.
Wir trugen ja im Leben
einträchtig Lob und Spott.
Drum wird empor uns heben
vereint der eine Gott.
Wird schmelzen die Seelen beide
zu eines Sternes Schein — —
Der soll erstorbnem Leide
lebendiges Danklied sein.
In dem Abschnitt „Hinauf“ läßt uns Richter
einen Blick tun in sein von hohem Pflichtendrang
erfülltes Leben, das darin gipfelt, durch ernste Arbeit
an sich zu einer wahren Persönlichkeit heranzureifen
und andere mit ihm auf jene Sonnenhöhen
fortzureißen und mit Eoigkeitssinn, Abgeklärtheit
und sittlichem Gleichmaß auszurüsten. Jedoch da,
wo der Mensch entgeistet, entseelt und frei von
Idealen geblieben ist, wo die Nacht ohne den funkelnden
Silberglanz der Sterne, in denen ein höhe-