Metadata : Tagebuchblätter. Dritter Band. (3)

Jugendideale  361

Auch  die  Erfahrungen,  die  ich  unter  den  deutschen  Flüchtlingen
von  1849  machte,  gefielen  mir  wenig.  Die  einen  von  diesen  Herren,
die  damals  in  Frankfurt,  in  Baden  und  Sachsen  die  Republik  hatten
aufrichten  wollen,  waren  im  Grunde  Partikularisten,  die  ihren  Kantönligeist
  hinter  der  Phrase  „Vereinigte  Staaten  von  Deutschland“
verbargen,  die  andern  Kosmopoliten,  denen  das  Vaterland  weit
unter  dem  stand,  was  sie  Freiheit  nannten,  wieder  andre  eingestandnermaßen
  Anarchisten,  die  nur  verneinten,  und  denen  die
Revolution  Selbstzweck  war.  Kaum  einer  hatte  sich  die  Fähigkeit
bewahrt,  die  Verhältnisse,  wie  sie  sich  nach  seiner  Entfernung  von
daheim  in  Deutschland  und  in  Frankreich,  ihrer  Haupthoffnung,
gestaltet  hatten,  einigermaßen  zu  würdigen  und  in  seiner  Berechnung
der  nächsten  Zukunft  zu  veranschlagen.  Es  paßte  ja  nicht  in  die
Doktrin  und  Theorie,  die  sie  mit  über  die  Grenze  genommen  und
getreulich  bewahrt  und  gepflegt  hatten.  Die  meisten  nahmen  es
übel,  wenn  man  ihnen  andeutete,  daß  sich  die  Lage  der  Dinge
drüben  inzwischen  vollständig  verändert  hatte  und  die  Stimmung  der
großen  Masse  der  Bevölkerung  gleichfalls.  Manche  wurden  darüber
sogar  mißtrauisch  gegen  den,  der  Zweifel  äußerte,  wenn  sie  ihre
Chimären  von  baldiger  triumphierender  Rückkehr  nach  Europa  entwickelten,
  und  ihr  Argwohn  verstieg  sich  dann  zuweilen  zu  grober
Bedrohung  des  vermeintlichen  Sendlings  der  reaktionären  Regierungen.
  Beinahe  überall  endlich  begegnete  man  Leuten,  die  sich
selbst  und  das,  was  sie  geleistet,  erheblich  überschätzten.

In  Newyork  hatte  ich  bald  nach  meiner  Ankunft  durch  Zufall
Blenker  kennen  gelernt  und  von  ihm  sofort  den  Rücken  gesehen,  als
ich  mir  einen  leisen  und  unmaßgeblichen  Einwurf  gegen  seine  Meinung
  erlaubte,  daß  es  noch  in  diesem  Jahre  zu  einer  neuen  Revolution
  in  Süddeutschland  und  zur  Eroberung  auch  des  Nordens
für  die  Republik  kommen  werde.  Struve,  den  ich  dort  als  Kuriosität
besuchte,  war  noch  mehr  oder,  wenn  man  will,  noch  weniger  als
der  komische  Sanguiniker  und  der  in  Schrullennebeln  umherfahrende
Geist,  den  ich  in  ihm  erwartet  hatte.  Der  Zank  zwischen  ihm  und
dem  maßlos  eingebildeten  Heinzen  hatte  den  höchsten  Grad  der
Widerwärtigkeit  erreicht.  Im  „Kaiser  Napoleon“  zu  Cleveland  sprach
ich  Barrikadenmänner  aus  Sachsen,  die  der  Überzeugung  lebten,  daß
auch  der  Yankeerepublik  eine  Revolution  bevorstehe.  In  der  ersten