Full text : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

72  Zweites  Buch.  I:  Heinrichs  Jugend.

lehrsamkeit,  aber  auch  durch  Härte  gegen  seine  Schüler  bemerkbar  machte“).
Doch  sein  Wissensdurst  war  noch  nicht  gestillt.  Mit  seinem  Zöglinge  und
Freunde  Dittmar  wanderte  er  nach  Paris,  wo  er  die  ausgezeichnetsten  Theologen
  der  damaligen  Zeit,  Anshelm  und  Rudolf,  hörte.  Von  ihren  Ermahnungen
  bewegt,  beschloß  er,  fürder  den  strengsten  und  enthaltsamsten  Lebenswandel
  zu  führen.  Nächtlicherweile  glaubte  er  göttliche  Gesichte  und  Offenbarungen
  zu  empfangen“").  Nach  dreijährigem  Aufenthalte  in  Paris  erlangte
er  dort  die  Würde  eines  Magisters  der  freien  Künste''##)  und  kehrte  dann
nach  Bremen  zurück,  begleitet  von  Dittmar,  der  Kanonikus  an  der  dortigen
Hauptkirche  wurde,  während  Vizelin  sich  vom  Magdeburger  Erzbischofe  zum
Priester  weihen  ließ.  Inzwischen  hatte  sich  in  Sachsen  das  Gerücht  verbreitet,
  der  Slawenfürst  Heinrich  in  Lübecks)  sei  geneigt,  das  Christentum
anzunehmen.  Vizelin  erbat  sich  von  dem  Erzbischof  Adalbero  von  Bremen,
zu  dessen  Sprengel  die  nördlichen  Gegenden  gehörten,  die  Erlaubnis,  zu
diesem  Fürsten  ziehen  zu  dürfen.  Heinrich  nahm  Vizelin  und  dessen  beide
Gefährten  freundlich  auf  und  gewährte  ihnen  eine  Kirche  in  Lübeck.  Kurz
aber  nachdem  sie  nach  Bremen  zurückgekehrt  waren,  um  sich  zu  einer  längeren
Bekehrungsreise  unter  den  Slawen  zu  rüsten,  hörten  sie  die  traurige  Nachricht,
  Heinrich  sei  gestorben  und  in  den  Thronstreitigkeiten  seiner  beiden  Söhne
Zwentopolk  und  Knut  die  neue  Stiftung  untergegangen.

Bald  tat  sich  indes  ein  neues  Feld  der  Tätigkeit  für  Vizelin  aufs#s).  Die
Falderer  an  der  Grenze  zwischen  Holstein  und  dem  heidnischen  Wagrien  verlangten
  von  Adalbero  einen  Priester,  und  der  Erzbischof  sandte  Vizelin  zu
ihnen.  Sofort  begab  sich  dieser  ans  Werk.  Nachdem  er  in  Faldera,  dem
slawischen  ehemals  deutschen  Wippendorf,  eine  alte  hölzerne  Kirche  wieder
eingeweiht,  begann  er  dort  als  Bollwerk  deutsch-christlicher  Gesittung  ein
Kloster  zu  bauen,  das  sich  bald  süllte,  und  nach  welchem  der  ganze  Ort
Nygemünsterf##)  genannt  wurde.  Von  allen  Seiten  strömten  die  Slawen
nach  Nygemünster,  um  die  beredten  Worte  und  die  Heilsverheißungen
Vizelins  und  seiner  Gefährten  zu  hörens).  Zwentopolk  ließ  sich  sogar  auch

 

e)  Die  meisten  Schüler  liefen  ihm  davon;  Helm.,  I,  44,  2.

%)  Chronicon  Holsatiae  cap.  13  ap.  Leibniz,  Accessiones  historicae,  I,  p.  21.  —

Vor  dieser  inneren  Umkehr  hat  Vizelin  einen  —  unehelichen  —  Sohn  gehabt.  Denn

Erzb.  Adalbero  von  Bremen  sagt  in  einer  Urkunde  von  1141:  Vicelinum  praepositum

et  filium  eius  Ludolphum;  P.  Hasse,  Schlesw.-Holst.-Lauenb.  Regesten  und  Urkunden

  (1886),  I,  79.

%½%  )  Compendium  vitse  venerabilis  Vicelini  episcopi  ap.  Leibniz,  S8r.  Brunsv.,  I.

p.  780.  ·

f)SieheS.65f.

ff)Helm.l,47.—chton.Eol-at.,p.22:oikosannumDominimillosimnmocutco

simum  vicesimum  quintum.  —  Compend.  vitae  Vicel.  1.  c.  anno  Domini  1125.  —

Versus  antiqui  de  Vicelino  ap.  Leibniz,  Scr.  I,  p.  774:  Anno  milleno  centeno  bis

ue  Uenvieto  d.h.  1125.  Irrig,  denn  Heinich  starb  erst  1127:  Jaffé,  Lothar  III.,
age  III.

Neumünster  am  Stör  im  mittleren  Holstein.

4  Chr.  Holsatige,  p.  22  f.