Volltext : Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Zweiter Band. (2)

13.  bis  17.  November  1914  489

Die  Russen  operieren  auf  zwei  Fronten,  einmal  auf  der  ostpreußischen
und  zweitens  mit  der  Richtung  auf  die  Warta  und  den  Dunajec.  Auf  breiter
Front  schieben  sie  sich  langsom  nach  Ostpreußen  binein.  Die  Seenplatte  ist  von
ihnen  noch  nirgends  überschritten  worden.  An  deutschen  Krästen  vermuten  wir
dort  nur  noch  die  unter  dem  Befehl  des  Generals  v.  Frangois  stehende  Armee  in
der  Stärke  von  höchstens  drei  Korps.  Dagegen  werden  jet  zum  ersten  Male
deutsche  Kräfte  vor  Thorn  in  der  Richtung  auf  Plock  sichtbar,  wo  wir  schon
am  6.  November  die  Bildung  einer  neuen  Kampfgruppe  vermuteten.

Heute  melden  die  Russen  selbst  schwere  Schlacht  an  der  unteren  Weichsel  in
der  Richtung  auf  Plock,  also,  da  sie  gleichzeitig  mit  der  Hauptmasse  südwestlich
Lodz  schon  über  die  Warta  und  weiter  südlich  auf  30  Kilometer  an  Kra  kau  herangelangt
  sind,  in  ihrer  rechten  Flanke.  Dlock  liegt  auf  der  Linie  Thorn—
Warschau,  91  Kilometer  von  Thorn  und  89  Klometer  von  Warschau.  Die  von
uns  bei  Thorn  vermutete  neue  deutsche  Kampfgruppe,  gebildet  aus  den  von
Ostpreußen  herübergezogenen  Korps  und  starken,  hinter  der  Front  verschobenen
Massen  der  von  der  Weichsel  scheinbar  südwestlich  auf  Czenstochau  ausgewichenen
Armeee,  ist  also  als  tatsächlich  vorhanden  und  im  Vormarsch  begriffen  anzusehen.
Kolo,  am  Wartaknie,  wo  die  NRussen  den  deutschen  linken  Flügel  vermutet  hatten,
liegt  80  Kilometer  südwestlich  von  DPlock.

ODie  klassische  Hindenburgsche  Umfassung  ist,  soweit  man  aus  der
Ferne,  auf  Indizien  und  einseitige  Berichte  bin  urteilen  kann  und  aus  der  ursprünglichen
  strategischen  Lage  schließen  darf,  in  vollem  Gang.  Trifft  das  zu,  dann
sind  die  Operationen  der  Russen  gegen  die  Warta  ein  Luftstoß,  während  die
in  engem  NRaume  Krakau—Neu-.  Sandez  versammelten  österreichischen  Hauptkräfte
ihrerseits  den  Moment  des  Eingreisens  abwarten.  Es  wird  sich  zeigen,  ob  die
mumerische  Lberlegenheit  der  Russen  genügt,  die  strategische  Aberlegenheit  des
Gegners  auszugleichen.

17.  November  1914.  Nr.  544  (Abendblakt).

Als  die  zur  Entlastung  der  Osterreicher  in  Holen  eindringende  deutsche  Armee
auf  der  Höhe  von  Warschau  und  Iwangorod  angekommen  war  und  sich  aus  diesen
beiden  mächtigen  Ausfalltoren  der  Gegenstoß  der  Russen  herauswälzte,  während
überlegene  russische  Kräfte  auch  im  Intervall  über  die  Weichsel  sehten  und  auch  die
Osterreicher  an  San  und  Stiry  sich  starken  Massen  in  ausgedehnten  Befestigungen
gegenübersahen,  brach  der  deutsche  Feldherr  im  Einvernehmen  mit  der  ssterreichischen
  Heeresleitung  die  ihm  gebotene  Schlacht  ab  und  trat  einen  strategischen
Rückzug  an,  den  wir  als  den  größten  seiner  Art  bezeichnet  haben.  Diese
Auffassung  hat  recht  behalten.

Der  Rückzug  pflanzte  sich  staffelförmig  vom  linken  deutschen  Flügel  bis  zum
äußersten  österreichischen  rechten  Flügel  fork,  und  geschickt  abbauend  verstanden  es
die  Verbündeten,  sich  dem  nur  zögernd  und  schwerfällig  folgenden,  offenbar  desorientierten
  Gegner  so  zu  entziehen,  daß  es  den  Russen  nicht  gelang,  die  Verbindung
  mit  dem  weichenden  Feind  aufrechtzuerhalten.  Weit  bis  hinter  die  Warta
und  Nida  in  ostwestlicher  Richtung,  aber  schein  bar  mit  der  Tendenz,  konzentrisch
  nach  Südbwesten,  gingen  die  Verbündeten  zurück.  Wir  erinnern  daran,
daß  in  russischen  Meldungen  gesagt  wurde  (die  französische  und  englische  Presse