294 XII. S. Münz.
Fürst Bülowm sagte hierbei, er habe öfter bemerkt, daß gerade die
Diplomaten sehr empfindlich gegen jede Preßkritik wären. Das käme daher,
daß die Diplomaten ein beschauliches und behagliches Leben führten, wo
jede Kritik sie störe und verletze wie das Rosenblatt den Sybariten. Auf
der harten Pritsche der inneren Politik gewöhne man sich solche Empfindlichkeit
bald ab und erwerbe jene dickere Haut, die für einen Politiker unentbehrlich
sei.
Ich erzählte, daß Graf Nigra mir ungefähr ein Jahr vor seinem Tode
in einem Briefe seine Bedenken geäußert hätte, seine Memoiren zu veröffentlichen,
und dabei an ein Wort Emile Girardins erinnerte, der gesagt
habe, das Studium der Geschichte sei zu nichts gut, denn weder Menschen
noch Völker wollen von den anderen etwas lernen, vielmehr wolle ein
jeder Mensch und ein jedes Volk seine eigenen Erfahrungen von vorne
anfangen.
Fürst Bülow meinte, diesen Gedanken habe Girardin dem deutschen
Philosophen Hegel entlehnt, der auch gesagt hätte, die Völker leruten gar
nichts aus der Geschichtce.
Im Verlaufe des Gespräches gab ich meiner Bewunderung für das
glänzende Gedächtnis des Reichskanzlers Ausdruck, denn er zitierte mit
seltener Leichtigkeit Stellen aus klassischen Autoren des Altertums. „Durchlaucht“,
fügte ich hinzu, „Ihre Tätigkeit als Minister hindert Sie wohl,
Ihre schöne Bibliothek so häufig benützen zu können wie früher. Sie kommen
doch wohl als Reichskanzler und von Geschäften erdrückt kaum dazu, noch
ein Buch zu lesen — dagegen mögen Sie wohl viel Zeitungen lesen“.
Der Fürst erwiderte: „Sie irren. Ich hole mir, wenn möglich, jeden
Tag ein gutes Buch aus meiner Bibliothek hervor und rette mich für ein
Stündchen aus der Flucht der Erscheinungen in das Ewige des Geistes
hinüber. Ich lese allerdings auch viele Zeitungen. Ein Staatsmann muß
mit der öffentlichen Meinung rechnen, weiß auch gerechte Kritik zu würdigen.
Ich halte die Presse in der Tat für eine große Macht und empfehle ihr,
wie es jeder ernsten Macht geziemt, einen maßvollen Gebrauch ihres Einflusses“.
Der Kanzler verbengte sich lächelnd und sagte: „Die Presse ist ja die
sechste Großmacht".
„Durchlaucht“, bemerkte ich scherzend, „wir sind die neunte Großmacht.“
Der Fürst zählte: „Frankreich, Eugland, Rußland, Osterreich-Ungarn,
Italien, Deutschland, Amerika, Japan — Presse . . Za, ja“, sagte er,
„Sie haben recht, die neunte Großmacht“.