Aummer 286
schen Geist pflegen und den Krieg verherrlichen.
Fur die Hochschulen: Zulassung der Dozenten
und Studenten, unabh ingig von ihrer Ingebhörigkeit
zu einer politischen Partei, Konfession,
einem Geschlecht oder Staat; Aushebung aller
studentischen Vereine, welche durch Duellzwang
hre Viitglieder zur Uebertretung gesetzlicher Bestimmungen
verpflichten; vollberechtigte Zulassung
von Volksschullehrern und lehrerinnen zum
Hochschulstudium.
Gegen die Vergewaltigung der
Presse.
Der Landesverband der dayeris####n
Presse hat in seiner heutigen außerordentlichen
Hauptversammlung Stellung genommen
zu den Vorgängen am vorigen Freitag
und einstimmig folgende Entschliebung angnenommen:
Der Landesverband der bayerischen
resse als die berufene Vertretung der Presse
i# Bayern gibt seiner Empörung darüber Aus-Druck,
daß in einem freien Volksstaat sortgesetzt
die Freiheit der öffentlichen Meinung in unerörter
„Weise vergewaltigt werden kann und
pricht die Erwartung aus, daß solche Aus-Greitunge
i nicht nur „nicht mehr heruldet“ worin,
sondern daß auch gegen die Urheber und
Berüber mit der ganzen Strenge der einschläügen
Gesetze eingeschritten wird. Der Landesverband
der bayerischen Presse siellt an die Regierung
bes Vollsstaates Bayern die Forderung,
künftig dafür Sorge zu tragen. daß die
von ihr wie von der Reichsregierung wiederbolt
feierlich versprochene Freiheit der Presse,
die ein Volkorccht, nicht ein Recht Einzelner ist,
nccht durch Handlungen beeinträchtigt wird, wie
in der letzten Zeu leider vorgelommen sind,
Ern Handlungen, zu denen allerdings durch
gew’ie isse Reden verantwortlicher Personen bestän eie
dig aufgereizt wird.
Meinu.ig nicht ungehindert in der Presse zum
(Auedru bringen lann, ist die Freiheit nichts
weiter, als eine leere Phrase. Ein Staatl, der
keinen Bürgern nicht die Freiheit der öffent.
Für ein Voll, das seine
licen Meinung geu ährleisten kann, ist nur ein
Serrbilo eine? freien Vollsitaates.
Eine Interpellation an den bayer.
Minlssterpräsidenten, die uns zugesand"
wird, hat folgenden Wortlaut: In der“ gestrigen
Volksversammlung in Bad Aibling, die Sie zur
Aufklärung des bayer. Oberlandes veranstaltet
hatten, interpellierte ich Sie, Herr MinisterpPräsident,
über die solgende Frage der äußeftren
Politik: Haden Sie eine zuverlässige Nachricht
von Seite der feindlichen Regierungen, dahß
dieserben mit der jetzigen, auf die Arbeiter= und
Soldatenräte aufgebauten Regierung des deutschen
Neiches Frieden schiiesßen wollen? Haben
Sie also Sicherheit darüber, daß die deutsche
Nationalversammlung nicht eine unerlätliche
Bedingung und Voraussetzung für den
Frieden ist? Sie haben auf diese Frage in
Der Versammlung zu Aibling weder selbst noch
KAurch Herrn Kuttusminister Hoffmann eine
Antwort gegeben. So wiederhole ich jetzt diese
dringendste und wichtigste Frage vor dem ganzen
Volke, welches das allergrößte Recht hat,
von Ihnen darübgr aufgeklärt zu werden: Wissen
Sie geriß und auf Grund authenti—
scher Erklärungen der Gegenseite,
daß die feindlichen Regierungen auch ohne
Votonsalwer sammlung mit uns Frie-,
zu schließen bereit sind? Wissen Sie dies
n sicher, daß Sie die gegenteiligen Aeußerungen
feindlicher Staatsmänner und Zeitungen
in den Wind schlagen können? Demn Sie haben
besonders die Nationalversammlung hinaurgeschoben.
Die Antwort auf diese Frage entscheidet
Ihr und vielleicht auch unser aller Schicksol.
Bad Aibling, 5. Dezember 1918. Professor
Otto Sickenberger.
———————.
Ueber angebliche konterrevolutionäre
Treibereien berichtet die Korrespondenz
Hofmann: In Prog sfanden am Sonntag,
den 1. Dezember 918 Unruhen statt. Die
Ausschreikungen richleten sich anscheinend gegen
rie mit deutsch öslerreichischen Kokarden versebenen
Offiziere. Es wurde dann das Kloster zu
St. Emaus von der tschechischen Negierung besetzt
und der bekannte Pater Alban alias Schöpfleituer
verhaftet. Bei der Untersuchung seiner
Jelle sond sich sehr belastendes Material, das
nach Wien und auchnach Münchengesponmneue
lkonterrevolutionäre Fäden
bloßlegte.
Zu dem Inhalt des über angebliche llerikale
gegenrevolutionäre Treibereien Gesagten bemerkt
die M.-A. Abdztg., daß die Sachlich
keit dieser „amtlichen“ Erllärung schon durch
die Unzuverlössigkeit der Information beleuch
tet wird. Der deutsche Abt des Benediktiner--klosters
Emaus in Prag, er heißt übrigens
Schachleitner, nicht Schöpfleitner, ist mit den
deutschen Konvenlualen seiner Abteil schon vor
dem Tag, der für die Aufdeckung der angeblichen
Treibereien genannt wird, wegen seiner deutschen
Nationalität ausgewiesen worden.
Wir siellen das lediglich im Interesse der Wahrheit
und des Deutschtums im Auslande fest, für
dessen Gegner Herrn Eisners amtliches Zeitungs.
büro eintreten muß. Wir protestieren auch
im Namen des lonfessionellen Frie
dens gegen diese einer Regierung unwürdigen
Treibereien.
Münchener Arbeilerrat. In der
Samelag, und Sonntagtagung. des großen
Münchener Arbeiterrates wurde ein neuer Vollzugsaus
sschuß, beslehene ans drei Vorsitzenden,
drei Schriftführern und drei Bessitzern mit glei-Nehen
gewahlt.
rdeher Peuinkenen
München. 9. Dez.
Vermielung der ehem. königlichen
Schlöfsser. Die Finanzverwaltung hat den
Mitoliedern des ebem. kal. Hauses, die Wohnungen
in den Gebäuden der Zivilliste inne
haben, angeboten. unter Abschluß eines Mietvertrages
in ihren Wohnungen zu verbleiben.
Prinz Ludwig Ferdinand, von dem es hieh.
es sei ihm gekündigt worden, hat von diesem
Angebot keinen Gebrauch gemacht.
Als erste geschlossene Formation
ver 1. bayerischen Division traf heute
das erste Vataillon des 2. Infanterie-Negiments
in der heimischen Garnison ein. Die Ankunft
war um 12 Uhr 39 Min. mittags angekündigt,
mit dreistündiger? Verspätung traf das Bataillon
ein. Die Soldaten hatten Mütze und Gewehr
mit weiß--blauen Schleisen und Blumen geschmückt.
Am Bahnhof erwartete die Musik des
Ersatzbataillons die heimlehrenden Krieger, die
unter den stürmischen Begrühungen einer gropen
Menschenmenge und unter den Klängen der
Musiktapelle durch die Dachauerstraße und
Schleißheimerstraße nach der Kaserne auf Oberwiesenfeld
marschierten.
Keyersiche ocheeschen.
Kirchenraub.
tenbuch wurden fünf bis sechs vergoldete Kelche
[im Werte von 1050 Mk., eine Zinndose mit
DOblaten für Hostien sowie eine Monstranz
im Werte v 30 000 Mark geslohlen.
eheagoen. Die Ehefrau Varbara
Brehm in ### göburg verletzte ihre Rebenbuhleim,
die led de Fabrikarbeiterin Marie Wagner,
burch mei ere Messerstiche, von denen einer die
Aus der Pfarrkirche Notgradigen
Erregung, die durch einen vorausgegangenen
Streit mit dem ungetreuen Gatten
und dessen Gesponsin hervorgerusen wurde, leriglich
auf eine Woche Gesänguis unter Befür.
wortung der Bewährungefrisl. — In Ludwigshafen
spielte sich zwischen zwei Ehegatien eine
aufregende Szene ab, die durch das unwürdige
Verhalten der Ehefrau während der Abwesenheit
des Gatien im Felde verursacht wurde. Die
Angetreue faßte nach dem Streit den Plau, den
Mann durch Leuchtgas zu vergiften. Zu diesem
Gwecke steckte sie den Gasschlauch unter das
Kopflissen des Divans und öffnete den Gashahn.
Zur rechten Jeit erwachte der Bedrohte
und entging so dem Tode.
Großfeuer. In der Leistenfabrik von
Bürlkle in Kempten brach Feuer aus, das den
Kanzen inneren Teil der Fabrik zerstörte. Die
Brandursache wird im Warmlaufen von Transmissionen
vermutet. Die großen Bretter- und
V aumlager lonnten gerettet werden.
Tod durch Koylengas. In der Aumihle
bei Wangen heizten vier Knechte vor
dem Schlafengehen ihren Zimmerofen und legten
sich dann zu Beli. Ee entwickelten sich während
der Nacht Kohlengase, die den Tod eines
der Leute berbeiführten. Zwei andere erlkrankten
au Gasvergiftung sehr schwer, während der
vierie ohne Schaden davonkam.
Todessturz vom Tach. Bei Vornahme
von Dachreparaturarbeiten in Fürih stürzte ein
25 jähriger Spenglergehilfe vom Dache eines
Hauses an der Glockenhofstraße und blieb im
Hosraum tot liegen.
Seine eigene Muttererschossen. In
Laudenbach bei Miltenberg hat lx
mit einem Nevolver der elfjährige Obergärtnerssohn
Schuerge seine Mutter erschossen.
Kreis unmittelbarkeit für Zpfäl.
bische Städte. Vom 1l. Jannar 1919 ab
werden die Städte Ludwigshafen, Kaiserslautern,
Pirmasens. Speyer, Neustadt, Frankentbal,
St. Ingbert und Zweibrücken von den
Verwaltungebezirken ihrer Be#zirksämter abgetreunt.
Sie unterstehen dann unmittelbar der
Regi erung, bleiben aber im Distriktoverband, bis
eieser durch Vereinbarung gelen werden will.
Gr- mlande.
Salzburg. 8. 12.“ Ein Kapitalverbrecher.
Nachträglich stellt sich heraus, daß
Pulsader eines Armes durchtrennte. schwer. Das-Gericht
erla: iute aber in Würdigung der hochder
Landeschef Rambousek, der Millionen unterschlagen
und sich schlioßlich erhängt hat, auch
ein Spiorn war. Er hat gleich anderen Tschechen
einen regen Briefverkehr mit Hamburg
unterhalten und hat seine Briefe unbehelligt jahrelang
nach Freilassing geschmuggel“. Die Flucht
Nambouseks in die Schweiz ist be' umntlich durch
einen Zufall verhindert worden: die Bereifung
für das Automobil war zu groß und dieser Umstand
führte zu einer halbstündigen Keerspätung
und damit bder Vereitelung der Flucht.
zwerlcher Obecland
Kolbermoor, 6. 12. Ein entdecktes
Hamsterlager. Man schreibt uns: Bei einer
hier abgehaltenen Haussuchung seitens des
Wolls= und Soldatenrates Rosenheim wurden
rund 15 Paar Stiefel, Decken und verschiedene
andere Gegenstände zu Tage gefördert.
Traunstein, 8. Dez. Nette Justän de.
Im hiesigen Gcfangerentege müssen nette Zunande
geherrscht haben, so daß es höchste Zeit
war, das ein Soldatenrat elwas hineinleuchtete.
Es wurden auch Amtsverfehlungen des ehemaligen
Jahlmester-Siellvertreters Bezirksfeldwebel
Häusler aufgere Die Untersuchung ist eingeleitet.
Dienstag, 10. Dezember 1918
Unterhaching, 7. 12. Ein frecher Einbruchdiebstahl
wurde vergangene Nacht dahier
verübt und dabei aus der im Nebenzimmer
des Gasthofes „zur Poll“ provisexisch untergebrachten
Kanzlei der zurzeit hier einquartierten
Fuhrparkkolonne 191 die Kasetle nebst einer
Kiste Allen forlgeschleppt. Als Täter wurde der
in Dämchenkreisen sehr bekannte, ijugendlige Lebemann
Mar Kroiß von hier ermitell ##die
exbrochene Kasette nebst dem daraus entnommenem
Geldbetrag von über 200 Mark ihm wieder
abgenommen.
Aus dem ARalhans.
Sitzungsbericht d. Stadtmagistrats
Rosenheim
vom 30. November 1918.
Das vom Volks= und Soldatenrat übermil.
telte und befürwortete Gesuch der hiesigen Gawirte-Versammlung
um Vereitstellung eine: grö-Hßeren
Lolals als Massenübernachlungoquarlier
ist auf Grund der inzwischen erlassenen Verordmung
der Staatsregierung und der Entschlieung
des Ministeriums für soziale Fürsorge beir.
„Mahnahmen gegen Wohnungsmangel und Obdachlosigleit
sofort in Instruktion zu nehmen.
ach Kenntnisnahme der von 65 hiesigen Ge.
schäftsleuten an den Arbeiter- und Soldatenrat
[Rosenheim gerichteten und von letzteren, der
bebenemutelkommission übermittelten Eingabe,
in der beantragt ist: 1. den Zueralleinverlauf
in den lieben Stellen unden e und den Ver
lauf wicoer allen Geschäften zu ermöglichen, 2.
den Lebenemittelverkauf durch die Sla#t im
Laden des Herrn Stechl einzustellen und die Ar
lilel an die Geschüfte zu überwessen, Z. durch
Einführung der Kundenlisle allen Gschäften in
gleicher Weise gerecht zu werter, wird dem eir
sümmigen Gutachten der Lebenomittellommission
entsprechend beschlossen: al die seit 1. April
1917 sestgesetzte Nogg der Auckerabgabe in
vorerst beizubehalten, b) der Verlauf
von Hülsenfrüchten, Graupen, Grieß usw. im
Stechlladen hat in der bieherigen Weise
zu erfolgen. *
4% (Söhah folgt.)
Lokalnachrichten
Rosenheim, 9. De#.
Zum würdigen Empfang der Krie,
ger hat Nosenheim allmählich Feirschmuck an
gelegt. Da steht in erster Reihe die Stadige.
meinde, die zwei sinnige Eingangspforten am
Vahnhof und am Maz-Josephsplay errichter
lieh. Aber auch Privake haben sich schon sehr hervorgelan.
Am Mar Josephe-platz hal besonder:
Herr Schreinermstr. Wild eine sehr geschmadvolle
Dekoration angebracht, zu der Frau zZahnar
Gill nach Kräften beisteuerte. Herr Gasthosbe
sitzer Lorenz Kloo hat sein neues Kaus ebensall
sehr schön dekoriert. Diese beiden Herren sind je
durch ihren Häuserschmuck bei früheren Anlässe
bestens bekamt. Möge dieses schöne Beispich
auch die anderen Hausbesitzer und W—
den belebten Straßen veranlassen, auf solch
Weise den Dank an unsere lieben Vaterlands
verteidiger kundzugeben. Man sieht es den eir
zelnen durchgehenden Heimziehende n an den freu
digen Augen an, wie sie eine derartige Anen
lennung auffassen. Also auf zur weiteren Aus
schmückung der Straßen; es gill unseren brave
Bayern und nicht nur den eigenen Söhnen un
ätern.
Wie Belgien und Frankreich „ge
räumt“ wurden, geht aus einem Verich
hervor, den Volksrat Geistaller in heutiger Si#
zung des Volks= und Soldatenrates erflattei
Darnach wurden hier Waren und Gegenständ
im Werte von 27—23000 Mark beschlag
„Zlscher Himmel und Erde.
Roman von Olto Ludwisg.
. Von dieser Seite her wurde der Himmel über
dem Hause mit den grünen Läden immer blauer.
Aber der Geist des Hauses schlich noch immer
händeringend darin umher. So oft es Zwei
schlug in der Nacht, stand er auf der Emporelaube
an der Tür von Apollonius' Stübchen
Und hob die bleichen Arme wie flehend gegen
den Himmel empor.
Apollonius hielt sich, war er daheim, noch immer
zurückgezogen auf seinem Stübchen. Der
alte Valenlin brachte ihm das Essen wie sonft
dahin. Es klonnte das nicht Wunder nehmen.
Das Geschäft hatte sich unter seiner fleißigen
Hand vergrößert; es wollte gegen früher mehr
als doppelt so viel geschrieben sein. ostbote
brachte ganze Stöße von Briefen in das
aus. Dazu hatte Apollonius in der letzten
Zeit das vorteilhafte Anerbieten des Besitzers
ungenommen und die Schiefergrube gepachtet.
Er verstand von Köln her den Betrieb des
Schieferbaues und hatte sich einen früheren Bekannten
von daher verschrieben, den er des Faches
kundig und im Leben zuverlässig wußte.
Seine Wahl erwies sich geraten; der Mann
war tätig; aber Apollonius erhiest trotzdem
durch die Pachtung einen bedeutenden Zuit.
Der alte Bauherr sah ihn
ch an und meinte, Apollonius
auweilen b
Der
habe seinen Kräften doch zuviel vertraut.
jungen Wiüb siel es nicht auf, daß Apollonius
nur wenig in die Wohnstube lam. Die Kinder,
die er öfler zu sich rufen und kleine Dienste verrichten
ließ, wobei sie lernen konnten, unterhielten
den Verkehr. Und sie konnten bezeugen, daß
Apollonius keine Zeit übrig hatte. Sie selber
war desto öfster auf seiner Stube: doch nur,
wenn er nicht daheim war. Sie schmückte Türen
und Wände mit allem, was sie hatte, und wovon
sie wußte, daß er es liebte, und hielt sich
ganze Stunden lang arbeitend da auf., Aber auch
sie bemertte die Blässe seines Angesichtes, die
jedesmal größer geworden schien, seit sie ihn
nicht gesehen. Wie sie nun ganz sein Spiegel
geworden war, spiegelle sie auch die Blässe zuigüd.
Sie hätte ihn gern echeitert, aber sie
suchte seine Nähe nicht; ihr schien, als ob ihre
Nähe das Entgegengesetzte wirke, was sie zu
wirken wünschte. Er war immer freundlich und
voll ritterlicher Achtung gegen sie. Das beruhigte
hie wenigstens über die Furcht, die ihr bei seinem
Sichzurückziehen am nächsten lag. Wie sie alle
Tugenden, die sie kannte, in ihn hineingestellt
wie in cinen Heiligenschrein, hatte sie die Wahrbaftigleit,
die ihr die erste von allen war, nicht
vergessen. Und so wußte sie, er zwang sie nicht,
ihr Achtung zu zeigen, wenn er "6 nicht empfand.
Er scherzte selbst zuweilen, besonders, wenn
er ihren Blick ängstlich auf seinem immer bleicheren
Gesicht haften sah; aber sio merkte, dab trotzdem
ihre Gelellschaft ihn nicht heiterer, nicht gesunder
machte. Sie hätte ihn gern gefragt, was
ihm fehle. — er vor ihr stand, wagte sie
es nicht; wenn sie allein war) dam fragte fie ihn.
Ganze Nächte sann sie auf Worie, ihm das Geständnis
abzulocken, und sprach mit ihm. Ge-F„bii
hätte er sie weinen gehört, gehört, wie
immer süßer und inniger sie schmeichelte und
bat, die süßen Namen gehört, die sie gab., e
hätte sagen müssen, was ihm fehlte. Ihr ganzes
Leben war dann auf dem Wege zwischen Herz
und Mund; trat es ihr einmal ins Ohr, hörte
sie, was sie sprach, dann errötete sie und flüchtete
ihr Erroten vor sich selbst und der lauschenden
Nacht tief unter ihre Decke.
1 Dem oͤlten braven Bauherrn vertraute sit
ihre Sorge an. „Ist's ein Wunder“, sagte er
eifrig; „wenn einer anderthalb Jahre lang den
Tag sich über Gebühr anstrengt u. die Nacht bei
Büchern und Briefen aufsitzt? Dazu die immer
steigende Sorge durch den — Gott verzelh's
ihm, er ist tot, und von den Toten #nn man
nichts Böses reden durch den Bruder; am
Ende noch der Schreck, der mich drei Tage krank
gemacht hat, über den und wenn seine Witwe
dabei ist ich hab ihn nie besonders leiden
können, und zuletzt am wenigsten. So ist die
Jugend. Ich hab ihn hundertmal gewarnt, den
braven Jungen. Und nun noch den vermaledeiten
Schieferbruch! Ei was Gewissenhaftigkeit!
Das ist keine, die nicht an die Gesundheit denlt!“
Der alte Bauherr hielt der jungen Witib be
ganze lange Strafpredigt, die einem galt, de
sie nicht hörte. Dann kamen sie überecin, 2
lonius müsse einen Doltor annehmen, wolle er
oder nicht; und der Bauherr ging guf die Stelle
zu dem besten Arzte der Stadt. Der Arzt versrrah.
sein Möglichstes zu tun. Er besuchte
auch Apollonius, und dieser ließ sich des Arzte
Bemühungen gefallen, weil die cs wünschte
die er liebte. Der Arzt fühlte den Puls, ka
wieder und wieder, verschrieb und verschriet
Apollonius wurde nur noch bleicher und trübe
Endlich erllärte der tüchtige Mann, hier
ein Uebel, gegen welches alle Kuny zu fu
falle; so tief hinein, als wo diese Krankheit si#
wirke keins von seinen Mitteln.
Apollonius hatte deshalb den Arzt sich ve
beten. Er hatte wohl gewußt: für seine Kran
heit gab es keinen Arzt. Wo der Banherr d
Ursache davon suchte, lag sie nur zum Teil
Die Ueberanstrengung hatie bloß den Bod#
für die Schmarotzerpflanze bestellt, die an Apo
lonius' innerem Lebensmark zehrte. In G
mütobewegungen lag der Keim, aber nicht
denen, die der Bauherr wa#tte. Nicht in de
Schrecken über des Bruders Unglück, sondern
dem Zuslande, worin der Schreck ihn traf. D
ersten Zeichen der Krankheit schienen lörpe#
cher Natur.
In dem Augenblick, wo der Bruder neben iht
vorbei in den Tod stürzte, hatten die Glocke
unter ihmen Zwei geschlagen. Von da an e
chreckte ihn jeder Glockenton.
Was ihm schwere Besorgnis erregte, war e
Anfaoll von Schwindel. Aller Schrecken jen
Tages hotte ihm die Unrnhe nicht verdunke
lönnen, die ihn nicht loslies, wenn er eine Uf
genaufgkeit an einer Arbeit gefunden, bis
beleitigt war. Jeder Glacknschiaa- der ihn #
—
schreckte, schien i !„ 7 d azu.