Metadata : Rosenheimer Anzeiger. 64. Jahrngang (64)

Aummer  286

schen  Geist  pflegen  und  den  Krieg  verherrlichen.
Fur  die  Hochschulen:  Zulassung  der  Dozenten
und  Studenten,  unabh  ingig  von  ihrer  Ingebhörigkeit
  zu  einer  politischen  Partei,  Konfession,
einem  Geschlecht  oder  Staat;  Aushebung  aller
studentischen  Vereine,  welche  durch  Duellzwang
hre  Viitglieder  zur  Uebertretung  gesetzlicher  Bestimmungen
  verpflichten;  vollberechtigte  Zulassung
  von  Volksschullehrern  und  lehrerinnen  zum
Hochschulstudium.
Gegen  die  Vergewaltigung  der
Presse.

Der  Landesverband  der  dayeris####n
  Presse  hat  in  seiner  heutigen  außerordentlichen
  Hauptversammlung  Stellung  genommen
  zu  den  Vorgängen  am  vorigen  Freitag
  und  einstimmig  folgende  Entschliebung  angnenommen:

  Der  Landesverband  der  bayerischen

resse  als  die  berufene  Vertretung  der  Presse
i#  Bayern  gibt  seiner  Empörung  darüber  Aus-Druck,
  daß  in  einem  freien  Volksstaat  sortgesetzt
die  Freiheit  der  öffentlichen  Meinung  in  unerörter
  „Weise  vergewaltigt  werden  kann  und
pricht  die  Erwartung  aus,  daß  solche  Aus-Greitunge

  i  nicht  nur  „nicht  mehr  heruldet“  worin,

  sondern  daß  auch  gegen  die  Urheber  und

Berüber  mit  der  ganzen  Strenge  der  einschläügen
  Gesetze  eingeschritten  wird.  Der  Landesverband
  der  bayerischen  Presse  siellt  an  die  Regierung
  bes  Vollsstaates  Bayern  die  Forderung,
  künftig  dafür  Sorge  zu  tragen.  daß  die
von  ihr  wie  von  der  Reichsregierung  wiederbolt
  feierlich  versprochene  Freiheit  der  Presse,
die  ein  Volkorccht,  nicht  ein  Recht  Einzelner  ist,
nccht  durch  Handlungen  beeinträchtigt  wird,  wie
in  der  letzten  Zeu  leider  vorgelommen  sind,

 

Ern  Handlungen,  zu  denen  allerdings  durch

gew’ie  isse  Reden  verantwortlicher  Personen  bestän  eie

dig  aufgereizt  wird.
Meinu.ig  nicht  ungehindert  in  der  Presse  zum
(Auedru  bringen  lann,  ist  die  Freiheit  nichts
weiter,  als  eine  leere  Phrase.  Ein  Staatl,  der
keinen  Bürgern  nicht  die  Freiheit  der  öffent.

Für  ein  Voll,  das  seine

 

licen  Meinung  geu  ährleisten  kann,  ist  nur  ein

Serrbilo  eine?  freien  Vollsitaates.

Eine  Interpellation  an  den  bayer.
Minlssterpräsidenten,  die  uns  zugesand"
wird,  hat  folgenden  Wortlaut:  In  der“  gestrigen
Volksversammlung  in  Bad  Aibling,  die  Sie  zur
Aufklärung  des  bayer.  Oberlandes  veranstaltet
hatten,  interpellierte  ich  Sie,  Herr  MinisterpPräsident,
  über  die  solgende  Frage  der  äußeftren
  Politik:  Haden  Sie  eine  zuverlässige  Nachricht
  von  Seite  der  feindlichen  Regierungen,  dahß
dieserben  mit  der  jetzigen,  auf  die  Arbeiter=  und
Soldatenräte  aufgebauten  Regierung  des  deutschen
  Neiches  Frieden  schiiesßen  wollen?  Haben
  Sie  also  Sicherheit  darüber,  daß  die  deutsche
  Nationalversammlung  nicht  eine  unerlätliche
  Bedingung  und  Voraussetzung  für  den
Frieden  ist?  Sie  haben  auf  diese  Frage  in
Der  Versammlung  zu  Aibling  weder  selbst  noch
KAurch  Herrn  Kuttusminister  Hoffmann  eine
Antwort  gegeben.  So  wiederhole  ich  jetzt  diese
dringendste  und  wichtigste  Frage  vor  dem  ganzen
  Volke,  welches  das  allergrößte  Recht  hat,
von  Ihnen  darübgr  aufgeklärt  zu  werden:  Wissen
  Sie  geriß  und  auf  Grund  authenti—
scher  Erklärungen  der  Gegenseite,
daß  die  feindlichen  Regierungen  auch  ohne
Votonsalwer  sammlung  mit  uns  Frie-,

zu  schließen  bereit  sind?  Wissen  Sie  dies
n  sicher,  daß  Sie  die  gegenteiligen  Aeußerungen
  feindlicher  Staatsmänner  und  Zeitungen
in  den  Wind  schlagen  können?  Demn  Sie  haben
besonders  die  Nationalversammlung  hinaurgeschoben.
  Die  Antwort  auf  diese  Frage  entscheidet
Ihr  und  vielleicht  auch  unser  aller  Schicksol.

Bad  Aibling,  5.  Dezember  1918.  Professor
Otto  Sickenberger.

———————.

Ueber  angebliche  konterrevolutionäre
  Treibereien  berichtet  die  Korrespondenz
  Hofmann:  In  Prog  sfanden  am  Sonntag,
  den  1.  Dezember  918  Unruhen  statt.  Die
Ausschreikungen  richleten  sich  anscheinend  gegen
rie  mit  deutsch  öslerreichischen  Kokarden  versebenen
  Offiziere.  Es  wurde  dann  das  Kloster  zu
St.  Emaus  von  der  tschechischen  Negierung  besetzt
  und  der  bekannte  Pater  Alban  alias  Schöpfleituer
  verhaftet.  Bei  der  Untersuchung  seiner
Jelle  sond  sich  sehr  belastendes  Material,  das
nach  Wien  und  auchnach  Münchengesponmneue
  lkonterrevolutionäre  Fäden
bloßlegte.

Zu  dem  Inhalt  des  über  angebliche  llerikale
gegenrevolutionäre  Treibereien  Gesagten  bemerkt
  die  M.-A.  Abdztg.,  daß  die  Sachlich
keit  dieser  „amtlichen“  Erllärung  schon  durch
die  Unzuverlössigkeit  der  Information  beleuch
tet  wird.  Der  deutsche  Abt  des  Benediktiner--klosters
  Emaus  in  Prag,  er  heißt  übrigens
Schachleitner,  nicht  Schöpfleitner,  ist  mit  den
deutschen  Konvenlualen  seiner  Abteil  schon  vor
dem  Tag,  der  für  die  Aufdeckung  der  angeblichen

Treibereien  genannt  wird,  wegen  seiner  deutschen
  Nationalität  ausgewiesen  worden.
Wir  siellen  das  lediglich  im  Interesse  der  Wahrheit
  und  des  Deutschtums  im  Auslande  fest,  für
dessen  Gegner  Herrn  Eisners  amtliches  Zeitungs.
büro  eintreten  muß.  Wir  protestieren  auch
im  Namen  des  lonfessionellen  Frie
dens  gegen  diese  einer  Regierung  unwürdigen
Treibereien.

Münchener  Arbeilerrat.  In  der
Samelag,  und  Sonntagtagung.  des  großen
Münchener  Arbeiterrates  wurde  ein  neuer  Vollzugsaus
  sschuß,  beslehene  ans  drei  Vorsitzenden,
drei  Schriftführern  und  drei  Bessitzern  mit  glei-Nehen
  gewahlt.

rdeher  Peuinkenen

München.  9.  Dez.

Vermielung  der  ehem.  königlichen
Schlöfsser.  Die  Finanzverwaltung  hat  den
Mitoliedern  des  ebem.  kal.  Hauses,  die  Wohnungen
  in  den  Gebäuden  der  Zivilliste  inne
haben,  angeboten.  unter  Abschluß  eines  Mietvertrages
  in  ihren  Wohnungen  zu  verbleiben.
Prinz  Ludwig  Ferdinand,  von  dem  es  hieh.

 

 

es  sei  ihm  gekündigt  worden,  hat  von  diesem

Angebot  keinen  Gebrauch  gemacht.

Als  erste  geschlossene  Formation
ver  1.  bayerischen  Division  traf  heute
das  erste  Vataillon  des  2.  Infanterie-Negiments
in  der  heimischen  Garnison  ein.  Die  Ankunft
war  um  12  Uhr  39  Min.  mittags  angekündigt,
mit  dreistündiger?  Verspätung  traf  das  Bataillon
ein.  Die  Soldaten  hatten  Mütze  und  Gewehr
mit  weiß--blauen  Schleisen  und  Blumen  geschmückt.
  Am  Bahnhof  erwartete  die  Musik  des
Ersatzbataillons  die  heimlehrenden  Krieger,  die
unter  den  stürmischen  Begrühungen  einer  gropen
  Menschenmenge  und  unter  den  Klängen  der
Musiktapelle  durch  die  Dachauerstraße  und
Schleißheimerstraße  nach  der  Kaserne  auf  Oberwiesenfeld
  marschierten.

Keyersiche  ocheeschen.

Kirchenraub.
tenbuch  wurden  fünf  bis  sechs  vergoldete  Kelche
[im  Werte  von  1050  Mk.,  eine  Zinndose  mit
DOblaten  für  Hostien  sowie  eine  Monstranz
im  Werte  v  30  000  Mark  geslohlen.

eheagoen.  Die  Ehefrau  Varbara
Brehm  in  ###  göburg  verletzte  ihre  Rebenbuhleim,
  die  led  de  Fabrikarbeiterin  Marie  Wagner,
burch  mei  ere  Messerstiche,  von  denen  einer  die

Aus  der  Pfarrkirche  Notgradigen

  Erregung,  die  durch  einen  vorausgegangenen
  Streit  mit  dem  ungetreuen  Gatten
und  dessen  Gesponsin  hervorgerusen  wurde,  leriglich
  auf  eine  Woche  Gesänguis  unter  Befür.
wortung  der  Bewährungefrisl.  —  In  Ludwigshafen
  spielte  sich  zwischen  zwei  Ehegatien  eine
aufregende  Szene  ab,  die  durch  das  unwürdige
Verhalten  der  Ehefrau  während  der  Abwesenheit
  des  Gatien  im  Felde  verursacht  wurde.  Die
Angetreue  faßte  nach  dem  Streit  den  Plau,  den
Mann  durch  Leuchtgas  zu  vergiften.  Zu  diesem
Gwecke  steckte  sie  den  Gasschlauch  unter  das
Kopflissen  des  Divans  und  öffnete  den  Gashahn.
  Zur  rechten  Jeit  erwachte  der  Bedrohte
und  entging  so  dem  Tode.

Großfeuer.  In  der  Leistenfabrik  von
Bürlkle  in  Kempten  brach  Feuer  aus,  das  den
Kanzen  inneren  Teil  der  Fabrik  zerstörte.  Die
Brandursache  wird  im  Warmlaufen  von  Transmissionen
  vermutet.  Die  großen  Bretter-  und
V  aumlager  lonnten  gerettet  werden.

Tod  durch  Koylengas.  In  der  Aumihle
  bei  Wangen  heizten  vier  Knechte  vor
dem  Schlafengehen  ihren  Zimmerofen  und  legten
  sich  dann  zu  Beli.  Ee  entwickelten  sich  während
  der  Nacht  Kohlengase,  die  den  Tod  eines
der  Leute  berbeiführten.  Zwei  andere  erlkrankten
au  Gasvergiftung  sehr  schwer,  während  der
vierie  ohne  Schaden  davonkam.

Todessturz  vom  Tach.  Bei  Vornahme
von  Dachreparaturarbeiten  in  Fürih  stürzte  ein
25  jähriger  Spenglergehilfe  vom  Dache  eines
Hauses  an  der  Glockenhofstraße  und  blieb  im
Hosraum  tot  liegen.

Seine  eigene  Muttererschossen.  In
Laudenbach  bei  Miltenberg  hat  lx
mit  einem  Nevolver  der  elfjährige  Obergärtnerssohn
  Schuerge  seine  Mutter  erschossen.

Kreis  unmittelbarkeit  für  Zpfäl.
bische  Städte.  Vom  1l.  Jannar  1919  ab
werden  die  Städte  Ludwigshafen,  Kaiserslautern,
  Pirmasens.  Speyer,  Neustadt,  Frankentbal,
  St.  Ingbert  und  Zweibrücken  von  den
Verwaltungebezirken  ihrer  Be#zirksämter  abgetreunt.
  Sie  unterstehen  dann  unmittelbar  der
Regi  erung,  bleiben  aber  im  Distriktoverband,  bis
eieser  durch  Vereinbarung  gelen  werden  will.

Gr-  mlande.

Salzburg.  8.  12.“  Ein  Kapitalverbrecher.

  Nachträglich  stellt  sich  heraus,  daß

Pulsader  eines  Armes  durchtrennte.  schwer.  Das-Gericht

  erla:  iute  aber  in  Würdigung  der  hochder

  Landeschef  Rambousek,  der  Millionen  unterschlagen
  und  sich  schlioßlich  erhängt  hat,  auch
ein  Spiorn  war.  Er  hat  gleich  anderen  Tschechen
  einen  regen  Briefverkehr  mit  Hamburg

 

unterhalten  und  hat  seine  Briefe  unbehelligt  jahrelang
  nach  Freilassing  geschmuggel“.  Die  Flucht
Nambouseks  in  die  Schweiz  ist  be'  umntlich  durch
einen  Zufall  verhindert  worden:  die  Bereifung
für  das  Automobil  war  zu  groß  und  dieser  Umstand
  führte  zu  einer  halbstündigen  Keerspätung
und  damit  bder  Vereitelung  der  Flucht.

zwerlcher  Obecland

Kolbermoor,  6.  12.  Ein  entdecktes
Hamsterlager.  Man  schreibt  uns:  Bei  einer
hier  abgehaltenen  Haussuchung  seitens  des
Wolls=  und  Soldatenrates  Rosenheim  wurden
rund  15  Paar  Stiefel,  Decken  und  verschiedene
andere  Gegenstände  zu  Tage  gefördert.

Traunstein,  8.  Dez.  Nette  Justän  de.

Im  hiesigen  Gcfangerentege  müssen  nette  Zunande
  geherrscht  haben,  so  daß  es  höchste  Zeit
war,  das  ein  Soldatenrat  elwas  hineinleuchtete.
Es  wurden  auch  Amtsverfehlungen  des  ehemaligen
  Jahlmester-Siellvertreters  Bezirksfeldwebel
Häusler  aufgere  Die  Untersuchung  ist  eingeleitet.


 

Dienstag,  10.  Dezember  1918
Unterhaching,  7.  12.  Ein  frecher  Einbruchdiebstahl
  wurde  vergangene  Nacht  dahier
  verübt  und  dabei  aus  der  im  Nebenzimmer
des  Gasthofes  „zur  Poll“  provisexisch  untergebrachten
  Kanzlei  der  zurzeit  hier  einquartierten
  Fuhrparkkolonne  191  die  Kasetle  nebst  einer
Kiste  Allen  forlgeschleppt.  Als  Täter  wurde  der
in  Dämchenkreisen  sehr  bekannte,  ijugendlige  Lebemann
  Mar  Kroiß  von  hier  ermitell  ##die
exbrochene  Kasette  nebst  dem  daraus  entnommenem
  Geldbetrag  von  über  200  Mark  ihm  wieder
abgenommen.

Aus  dem  ARalhans.
Sitzungsbericht  d.  Stadtmagistrats
Rosenheim
vom  30.  November  1918.

Das  vom  Volks=  und  Soldatenrat  übermil.
telte  und  befürwortete  Gesuch  der  hiesigen  Gawirte-Versammlung
  um  Vereitstellung  eine:  grö-Hßeren
  Lolals  als  Massenübernachlungoquarlier
ist  auf  Grund  der  inzwischen  erlassenen  Verordmung
  der  Staatsregierung  und  der  Entschlieung
des  Ministeriums  für  soziale  Fürsorge  beir.
„Mahnahmen  gegen  Wohnungsmangel  und  Obdachlosigleit
  sofort  in  Instruktion  zu  nehmen.

ach  Kenntnisnahme  der  von  65  hiesigen  Ge.
schäftsleuten  an  den  Arbeiter-  und  Soldatenrat
[Rosenheim  gerichteten  und  von  letzteren,  der
bebenemutelkommission  übermittelten  Eingabe,
in  der  beantragt  ist:  1.  den  Zueralleinverlauf
in  den  lieben  Stellen  unden  e  und  den  Ver
lauf  wicoer  allen  Geschäften  zu  ermöglichen,  2.
den  Lebenemittelverkauf  durch  die  Sla#t  im
Laden  des  Herrn  Stechl  einzustellen  und  die  Ar
lilel  an  die  Geschüfte  zu  überwessen,  Z.  durch
Einführung  der  Kundenlisle  allen  Gschäften  in
gleicher  Weise  gerecht  zu  werter,  wird  dem  eir
sümmigen  Gutachten  der  Lebenomittellommission
entsprechend  beschlossen:  al  die  seit  1.  April
1917  sestgesetzte  Nogg  der  Auckerabgabe  in
vorerst  beizubehalten,  b)  der  Verlauf
von  Hülsenfrüchten,  Graupen,  Grieß  usw.  im
Stechlladen  hat  in  der  bieherigen  Weise
zu  erfolgen.  *
4%  (Söhah  folgt.)

Lokalnachrichten

Rosenheim,  9.  De#.

Zum  würdigen  Empfang  der  Krie,
ger  hat  Nosenheim  allmählich  Feirschmuck  an
gelegt.  Da  steht  in  erster  Reihe  die  Stadige.
meinde,  die  zwei  sinnige  Eingangspforten  am
Vahnhof  und  am  Maz-Josephsplay  errichter
lieh.  Aber  auch  Privake  haben  sich  schon  sehr  hervorgelan.
  Am  Mar  Josephe-platz  hal  besonder:
Herr  Schreinermstr.  Wild  eine  sehr  geschmadvolle
Dekoration  angebracht,  zu  der  Frau  zZahnar
Gill  nach  Kräften  beisteuerte.  Herr  Gasthosbe
sitzer  Lorenz  Kloo  hat  sein  neues  Kaus  ebensall
sehr  schön  dekoriert.  Diese  beiden  Herren  sind  je
durch  ihren  Häuserschmuck  bei  früheren  Anlässe
bestens  bekamt.  Möge  dieses  schöne  Beispich
auch  die  anderen  Hausbesitzer  und  W—
den  belebten  Straßen  veranlassen,  auf  solch
Weise  den  Dank  an  unsere  lieben  Vaterlands
verteidiger  kundzugeben.  Man  sieht  es  den  eir
zelnen  durchgehenden  Heimziehende  n  an  den  freu
digen  Augen  an,  wie  sie  eine  derartige  Anen
lennung  auffassen.  Also  auf  zur  weiteren  Aus
schmückung  der  Straßen;  es  gill  unseren  brave
Bayern  und  nicht  nur  den  eigenen  Söhnen  un
ätern.
Wie  Belgien  und  Frankreich  „ge
räumt“  wurden,  geht  aus  einem  Verich
hervor,  den  Volksrat  Geistaller  in  heutiger  Si#
zung  des  Volks=  und  Soldatenrates  erflattei
Darnach  wurden  hier  Waren  und  Gegenständ
im  Werte  von  27—23000  Mark  beschlag

 

„Zlscher  Himmel  und  Erde.

Roman  von  Olto  Ludwisg.

.  Von  dieser  Seite  her  wurde  der  Himmel  über
dem  Hause  mit  den  grünen  Läden  immer  blauer.
Aber  der  Geist  des  Hauses  schlich  noch  immer
händeringend  darin  umher.  So  oft  es  Zwei
schlug  in  der  Nacht,  stand  er  auf  der  Emporelaube
  an  der  Tür  von  Apollonius'  Stübchen
Und  hob  die  bleichen  Arme  wie  flehend  gegen
den  Himmel  empor.

Apollonius  hielt  sich,  war  er  daheim,  noch  immer
  zurückgezogen  auf  seinem  Stübchen.  Der
alte  Valenlin  brachte  ihm  das  Essen  wie  sonft
dahin.  Es  klonnte  das  nicht  Wunder  nehmen.
Das  Geschäft  hatte  sich  unter  seiner  fleißigen
Hand  vergrößert;  es  wollte  gegen  früher  mehr
als  doppelt  so  viel  geschrieben  sein.  ostbote
  brachte  ganze  Stöße  von  Briefen  in  das

aus.  Dazu  hatte  Apollonius  in  der  letzten
Zeit  das  vorteilhafte  Anerbieten  des  Besitzers
ungenommen  und  die  Schiefergrube  gepachtet.
Er  verstand  von  Köln  her  den  Betrieb  des
Schieferbaues  und  hatte  sich  einen  früheren  Bekannten
  von  daher  verschrieben,  den  er  des  Faches
  kundig  und  im  Leben  zuverlässig  wußte.
Seine  Wahl  erwies  sich  geraten;  der  Mann
war  tätig;  aber  Apollonius  erhiest  trotzdem
durch  die  Pachtung  einen  bedeutenden  Zuit.
  Der  alte  Bauherr  sah  ihn
ch  an  und  meinte,  Apollonius

auweilen  b
Der

habe  seinen  Kräften  doch  zuviel  vertraut.

 

 

jungen  Wiüb  siel  es  nicht  auf,  daß  Apollonius
nur  wenig  in  die  Wohnstube  lam.  Die  Kinder,
die  er  öfler  zu  sich  rufen  und  kleine  Dienste  verrichten
  ließ,  wobei  sie  lernen  konnten,  unterhielten
den  Verkehr.  Und  sie  konnten  bezeugen,  daß
Apollonius  keine  Zeit  übrig  hatte.  Sie  selber
war  desto  öfster  auf  seiner  Stube:  doch  nur,
wenn  er  nicht  daheim  war.  Sie  schmückte  Türen
und  Wände  mit  allem,  was  sie  hatte,  und  wovon
  sie  wußte,  daß  er  es  liebte,  und  hielt  sich
ganze  Stunden  lang  arbeitend  da  auf.,  Aber  auch
sie  bemertte  die  Blässe  seines  Angesichtes,  die
jedesmal  größer  geworden  schien,  seit  sie  ihn
nicht  gesehen.  Wie  sie  nun  ganz  sein  Spiegel
geworden  war,  spiegelle  sie  auch  die  Blässe  zuigüd.
  Sie  hätte  ihn  gern  echeitert,  aber  sie
suchte  seine  Nähe  nicht;  ihr  schien,  als  ob  ihre
Nähe  das  Entgegengesetzte  wirke,  was  sie  zu
wirken  wünschte.  Er  war  immer  freundlich  und
voll  ritterlicher  Achtung  gegen  sie.  Das  beruhigte
hie  wenigstens  über  die  Furcht,  die  ihr  bei  seinem
Sichzurückziehen  am  nächsten  lag.  Wie  sie  alle
Tugenden,  die  sie  kannte,  in  ihn  hineingestellt
wie  in  cinen  Heiligenschrein,  hatte  sie  die  Wahrbaftigleit,
  die  ihr  die  erste  von  allen  war,  nicht
vergessen.  Und  so  wußte  sie,  er  zwang  sie  nicht,
ihr  Achtung  zu  zeigen,  wenn  er  "6  nicht  empfand.
  Er  scherzte  selbst  zuweilen,  besonders,  wenn
er  ihren  Blick  ängstlich  auf  seinem  immer  bleicheren
  Gesicht  haften  sah;  aber  sio  merkte,  dab  trotzdem
  ihre  Gelellschaft  ihn  nicht  heiterer,  nicht  gesunder
  machte.  Sie  hätte  ihn  gern  gefragt,  was
ihm  fehle.  —  er  vor  ihr  stand,  wagte  sie
es  nicht;  wenn  sie  allein  war)  dam  fragte  fie  ihn.

 

Ganze  Nächte  sann  sie  auf  Worie,  ihm  das  Geständnis
  abzulocken,  und  sprach  mit  ihm.  Ge-F„bii
  hätte  er  sie  weinen  gehört,  gehört,  wie
immer  süßer  und  inniger  sie  schmeichelte  und
bat,  die  süßen  Namen  gehört,  die  sie  gab.,  e
hätte  sagen  müssen,  was  ihm  fehlte.  Ihr  ganzes
Leben  war  dann  auf  dem  Wege  zwischen  Herz
und  Mund;  trat  es  ihr  einmal  ins  Ohr,  hörte
sie,  was  sie  sprach,  dann  errötete  sie  und  flüchtete
  ihr  Erroten  vor  sich  selbst  und  der  lauschenden
  Nacht  tief  unter  ihre  Decke.
1  Dem  oͤlten  braven  Bauherrn  vertraute  sit
ihre  Sorge  an.  „Ist's  ein  Wunder“,  sagte  er
eifrig;  „wenn  einer  anderthalb  Jahre  lang  den
Tag  sich  über  Gebühr  anstrengt  u.  die  Nacht  bei
Büchern  und  Briefen  aufsitzt?  Dazu  die  immer
steigende  Sorge  durch  den  —  Gott  verzelh's
ihm,  er  ist  tot,  und  von  den  Toten  #nn  man
nichts  Böses  reden  durch  den  Bruder;  am
Ende  noch  der  Schreck,  der  mich  drei  Tage  krank
gemacht  hat,  über  den  und  wenn  seine  Witwe
dabei  ist  ich  hab  ihn  nie  besonders  leiden
können,  und  zuletzt  am  wenigsten.  So  ist  die
Jugend.  Ich  hab  ihn  hundertmal  gewarnt,  den
braven  Jungen.  Und  nun  noch  den  vermaledeiten
  Schieferbruch!  Ei  was  Gewissenhaftigkeit!
Das  ist  keine,  die  nicht  an  die  Gesundheit  denlt!“
Der  alte  Bauherr  hielt  der  jungen  Witib  be
ganze  lange  Strafpredigt,  die  einem  galt,  de
sie  nicht  hörte.  Dann  kamen  sie  überecin,  2
lonius  müsse  einen  Doltor  annehmen,  wolle  er
oder  nicht;  und  der  Bauherr  ging  guf  die  Stelle
zu  dem  besten  Arzte  der  Stadt.  Der  Arzt  versrrah.
  sein  Möglichstes  zu  tun.  Er  besuchte

auch  Apollonius,  und  dieser  ließ  sich  des  Arzte
Bemühungen  gefallen,  weil  die  cs  wünschte
die  er  liebte.  Der  Arzt  fühlte  den  Puls,  ka
wieder  und  wieder,  verschrieb  und  verschriet
Apollonius  wurde  nur  noch  bleicher  und  trübe

Endlich  erllärte  der  tüchtige  Mann,  hier
ein  Uebel,  gegen  welches  alle  Kuny  zu  fu
falle;  so  tief  hinein,  als  wo  diese  Krankheit  si#
wirke  keins  von  seinen  Mitteln.

Apollonius  hatte  deshalb  den  Arzt  sich  ve
beten.  Er  hatte  wohl  gewußt:  für  seine  Kran
heit  gab  es  keinen  Arzt.  Wo  der  Banherr  d
Ursache  davon  suchte,  lag  sie  nur  zum  Teil
Die  Ueberanstrengung  hatie  bloß  den  Bod#
für  die  Schmarotzerpflanze  bestellt,  die  an  Apo
lonius'  innerem  Lebensmark  zehrte.  In  G
mütobewegungen  lag  der  Keim,  aber  nicht
denen,  die  der  Bauherr  wa#tte.  Nicht  in  de
Schrecken  über  des  Bruders  Unglück,  sondern
dem  Zuslande,  worin  der  Schreck  ihn  traf.  D
ersten  Zeichen  der  Krankheit  schienen  lörpe#
cher  Natur.

In  dem  Augenblick,  wo  der  Bruder  neben  iht
vorbei  in  den  Tod  stürzte,  hatten  die  Glocke
unter  ihmen  Zwei  geschlagen.  Von  da  an  e
chreckte  ihn  jeder  Glockenton.

Was  ihm  schwere  Besorgnis  erregte,  war  e
Anfaoll  von  Schwindel.  Aller  Schrecken  jen
Tages  hotte  ihm  die  Unrnhe  nicht  verdunke
lönnen,  die  ihn  nicht  loslies,  wenn  er  eine  Uf
genaufgkeit  an  einer  Arbeit  gefunden,  bis
beleitigt  war.  Jeder  Glacknschiaa-  der  ihn  #

—

 

 

schreckte,  schien  i  !„  7  d  azu.