Full text : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

184  8.  „Kalt  gestellt“  in  Petersburg.  Pariser  Sommerwochen

stattfinden.  —  Ehe  nun  Preußen  mit  derartigen  Bestrebungen
außerhalb  des  Bundes  offen  hervortrete,  würde  es  sich  jedenfalls
empfehlen,  ähnliche  Reformen  in  Frankfurt  auf  bundesverfassungsmäßigem
  Wege  zu  beantragen.

Die  Denkschrift  war,  wie  wir  sehen,  sehr  vorsichtig  gefaßt.
Um  den  König  für  sich  zu  gewinnen,  siel  Bismarck  nicht  gleich
mit  der  Türe  ins  Haus.  Er  sagt  nicht,  daß  die  direkte  Wahl
zur  Nationalversammlung  vielleicht  richtiger  sei,  auch  nicht,
daß  voraussichtlich  Gewalt  und  Krieg  nötig  werde,  um  zur  Gesundung
  zu  gelangen;  er  wollte  den  König  nicht  schrecken;  die
Erklärung  beim  Bunde  aber,  daß  die  Dinge  so  nicht  weiter
gingen,  forderte  er.

In  einem  Briefe  an  seinen  Freund  von  Below-Hohndorf
gibt  er  sich  bei  Besprechung  des  konservativen  Programms
unumwundener.  Dort  sagt  er,  es  sei  gar  nicht  die  Pfllicht
Preußens,  den  Rechtschutz  fremder  Fürsten  und  Länder  zu
übernehmen.  „Wir  kommen  dahin,  den  ganzen  unhistorischen,
gott=  und  rechtlosen  Souveränitätsschwindel  der  deutschen
Fürsten,  welche  unser  Bundesverhältnis  als  Piedestal  benutzen,
  von  dem  herab  sie  Europäische  Macht  spielen,  zum
Schoßkind  der  conservativen  Partei  Preußens  zu  machen.
Unsre  Regierung  ist  ohnehin  in  Preußen  liberal,  im  Auslande
legitimistisch;  wir  schützen  fremde  Kronrechte  mit  mehr  Beharrlichkeit
  als  die  eignen  und  begeistern  uns  für  die  von
Napoleon  geschaffenen,  von  Metternich  sanctionirten  kleinstaatlichen
  Souveränitäten  bis  zur  Blindheit  gegen  alle  Gefahren,
  mit  denen  Preußens  und  Deutschlands  Unabhängigkeit
für  die  Zukunft  bedroht  ist,  solange  der  Unsinn  der  jetzigen
Bundesverfassung  besteht,  die  nichts  ist  als  ein  Treib=  und
Conservirhaus  gefährlicher  und  revolutionärer  Particularbestrebungen."
  Er  wünscht  es  in  dem  konservativen  Programm
anstatt  des  vagen  Ausfalls  gegen  die  deutsche  Republik  offen
ausgesprochen,  was  Preußen  in  Deutschland  geändert  und
hergestellt  wünsche,  und  er  sieht  nicht  ein,  warum  die  Konservativen
  „vor  der  Idee  einer  Volksvertretung,  sei  es  im  Bunde,
sei  es  in  einem  Zollparlament,  so  zimperlich  zurückschrecken“.  Auch