164 Die völkerrechtliche Stellung des Papstes
2) Niebuhr behauptete „nichts kann für die Wohlfahrt von Italien geschehen,
ehe nicht die Priesterwirthschaft unterdrückt ist“". (Lieber’s Denkwürdigkeiten von
Perry. Deutsche Auss S. 87).
3) Ueber die Verhandlungen Cavours mit der Curie ef. den folgenden Abschnitt.
39.
Die Stellung der Italienischen Regierung während des Conflictes
und nach dem Sturz der weltlichen Herrschaft.
Daß diese gewaltsame Besitzergreifung Verpflichtungen verletzte, welche
Italien nicht nur öffentlich, sondern auch in völkerrechtlicher Form übernommen,
wird nicht zu bestreiten sein. In den berühmten Reden vom 25. und
27. März 1861, in welchen Cavour zugleich Rom als Hauptstadt und das
Princip „die freie Kirche im freien Staate“ proclamirte, wodurch er den Widerstand
des Papstthums zu entwaffnen hoffte, erklärte er zugleich:
1) Die Vereinigung Roms mit Italien dürfe nur mit Zustimmung Frankreichs
erfolgen, dem man große Dankbarkeit für seine Hilfe schulde, welche
man angenommen ohne zu protestiren, als der Kaiser die Verpflichtungen betonte,
durch die er sich gegen den heil. Stuhl gebunden hielt.
2) „Müssen wir nach Rom gehen, — ohne daß die Vereinigung dieser
Stadt mit dem übrigen Italien von der großen Masse der Katholiken Italiens
und außerhalb als das Zeichen der Knechtschaft der Kirche ausgelegt werden
kann. Wir müssen deshalb nach Rom gehen, ohne daß deswegen die wahre
Unabhängigkeit des Papstes verringert wird, wir müssen nach Rom gehen,
ohne daß die politische Autorität ihre Macht auf das geistliche Gebiet ausdehnt;“
diese Schwierigkeit könne nicht mit dem Schwerte, sondern nur durch
moralische Mittel gelöst werden. . Une fois les deux grandes conditions
remplies, une fois les catholiques persuadeés et la France Consentante,
Tespeère que nous pourrons nous entendre avec le Saint-Pere #1)c. 4
Die Hoffnung Cavours, dies Programm durchzuführen und vielleicht auf
dem Capitol einen Religionsfrieden abschließen zu können, der für die Zukunft
der menschlichen Gesellschaft weit größere Folgen haben werde als der Westphälische
Friede 7), hat sich als Illusion erwiesen. Aber das Programm war durchaus
ernstlich gemeint ) und war in der That das einzige, dessen Verwirklichung der
große italienische Staatsmann versuchen konnte. Eine Besitznahme Roms gegen
den Willen Frankreichs war durch die Verhältnisse ausgeschlossen; freiwillig
die Französische Besatzung abzuberufen und Rom Italien zu Überliefern, war
für Napoleon III. aus Rücksicht auf seinen Clerus unmöglich, selbst wenn er
es gewollt hätte. Die einzige Möglichkeit, unter so bewandten Umständen zum
Ziele zu gelangen, war also zu einer Verständigung mit dem Papfste selbst zu
kommen, so daß dieser selbst den Schutz der Französischen Armee für überflüssig
erklärte, nachdem er sich mit Italien geeinigt und Cavour meinte, es könne