Full text : Archiv für öffentliches Recht.Dritter Band. (3)

war  der  Ersatz  an  Munition,  für  den  der  Ober-Quartiermeister  in  Ver—
bindung  mit  den  Generalkommandoe  und  rückwärtigen  Instanzen  alle
ZSebel  in  Bewegung  setzte.  Generalstabe=  und  GOrdonnanzoffziere  kamen
und  gingen,  und  ihre  Meldungen  gewährten  tiefe  Einblicke  in  dle  durch
feindliche  und  eigene  Waffenwirkung  geschaffenen  Zustände  in  Front,  Lazaretten
  und  bei  dem  auf  das  höchste  angespannten  Dendelverkehr  der
HRolonnen  und  Trains  aller  Art.  Die  feindselige  Zaltung  der  Bevölkerung,
die  immer  wieder  in  binterlistiger,  völkerrechtswidriger  Verschlagenheit
auf  unsere  Truppen  feuerte,  erforderte  eine  Regelung  der  Strafgerichte  in
der  Hand  der  höheren  Gerichtsbarkeit.  Die  Einwohner  waren  beim
Zäuserkampf  in  Longuyon  und  Audun  le  Roman  sogar  im  Gebrauch  von
Jaqgdgewehren  ertappt,  die,  aus  Daris  geliefert,  entsprechende  Widmungen
trugen.  Die  Erbitterung  unserer  Truppen  über  solches  Verfahren  der
Siotlbevölkerung  war  verständlich.  Das  dem  deutschen  Charabter  eigene
Gefühl  des  Mitlelds  mit  der  friedlichen  Sloilbevölkerung  mußte  naturgemäß
  angeslchts  solcher  Vorfälle  zurücktreten.  Ich  überzeugte  mich  wiederholt
  selbst  und  durch  besonders  entsandte  Organe  von  der  menschenmöglichen
  Fürsorge  für  die  Opfer  des  Rrieges  und  hatte  volle  Bewunderung
und  Anerkennung  für  die  selbstlose,  Freund  und  Feind  in  gleicher  Weise
zuteil  werdende  Zingabe  aller  Organe  der  Verwundeten=  und  Trankenpflege.
  Mein  Zerz  blutete  beim  Anblick  all'  dieses  menschlichen  Elende.
Es  wurde  mir  namenloe  schwer,  belm  Besuch  von  Lazaretten  dußerlich
melne  Saltung  zu  bewahren.

Als  verantwortlicher  Armeeführer  war  ich  mir  auf  der  anderen  Seite
bewußt,  daß  ich  den  Regungen  des  Gefühle  nur  insoweit  Einfluß  auf
meine  militärischen  Eutschlüsse  und  Zandlungen  einräumen  durfte,  als
mir  die  gewlssenhafte  Abwägung  des  Einsatzes  an  Menschenleben  gegen
den  erstrebten  kriegerischen  Gewinn  heilige  Dflicht  schien.  Der  Führer
muß  sehen  bönnen,  wie  Blut  fließt,  aber  nur  wenn  er  von  der  Notwendigkeit
  überzeugt  ist.  Dem  einen  fällt  das  lelchter,  dem  anderen  schwerer.
Reinem  aber  bleibt  in  Stunden  ernster  Rechenschaftslegung  der  traglsche
Widerstreit  des  Herzens  gegen  Derstand  und  Willen  erspart.  Die  Welt
abnt  nichts  von  diesen  Dorgängen  in  der  Seele  des  Führers,  soll  auch
nichts  davon  abnen.  „Der  Zeerführer  muß  wie  ein  Schauspieler  sein
und  die  Miene  aufsethen,  die  lhm  die  Rolle,  die  er  spielen  will,  vorschreibt,
  —“  sagt  Friedrich  der  Große.  Freilich  urtellt  die  Welt  darum

4  RKNrouprinz  wilbelm,  Meine  Erinnerungen.  49