Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

Rußland.  (Mai  30.  31.)  695

Munition  und  allem  Notwendigen,  und  zwar  mit  mehr  Kanonenmetall
und  weniger  „Kanonenfutter“  versorgt  werden  muß.  3.  Die  Armee  wendet
sich  an  jedermann,  dem  das  freie  Rußland  teuer  ist,  sich  um  die  A.=  u.  S.
Räte  und  die  Prov.  Regierung  zu  scharen,  zu  denen  sie  Vertrauen  hat,  da
sie  sich  weder  auf  Abenteuer  einlassen  noch  zulassen  werden,  daß  die  Armee
zum  Düngemittel  für  fremde  Felder  werde.

30.  Mai.  (Litauen.)  Bildunge.  lit.  Vertrauensrates  s.  Tl.  1  S.  611.
31.  Mai.  Prozeß  Suchomlinow.

Die  Petersburger  Morgenblätter  veröffentlichen  die  vom  Justizminister
der  Prov.  Regierung  vorgelegte  Anklageschrift  in  dem  Prozesse  gegen  den
ehem.  Kriegsminister  Suchomlinow.  Danach  hat  S.  nach  der  Kriegserklärung
  nicht  die  zur  Verstärkung  der  sehr  geringen  Leistungs  fähigkeit
der  Staatswerke  nötigen  Maßregeln  getroffen  und  es  versäumt,  die  Privatindustrie
  in  den  Dienst  des  Staates  zu  stellen.  Dadurch  hat  er  den  Schießbedarfsmangel
  beim  Heere  verursacht  und  dem  Feinde  bei  seinem  Angriff
auf  Rußland  geholsen.  Der  Geschoßmangel,  führt  die  Anklageschrift  aus,
machte  sich  an  der  russ.  Front  von  den  ersten  Kriegslagen  an  bemerkbar.
Trotz  der  wiederholten  Bitten  des  Generals  Zabellin,  des  Chefs  des  Versorgungswesens
  an  der  Südwestfront,  und  des  Generals  Januschkewitsch,
Chefs  des  Generalstabs  des  Höchstkommandierenden,  die  auf  der  sofortigen
Zusendung  von  Schießbedarf  bestanden,  um  verhängnisvolle  Folgen  zu  vermeiden,
  rührte  sich  S.  nicht.  Er  blieb  untätig  und  beschränkte  sich  auf  ausweichende
  Antworten.  Im  Okt.  1914  teilte  General  Iwanow  Januschkewitsch
mit,  daß  er  wegen  Mangels  an  Schießbedarf  an  seiner  Front  den  fortwährenden
  erbitterten  Kampf,  den  die  militärische  Lage  erfordere,  nicht
aufrechterhalten  könne,  und  erklärte,  daß  er,  falls  keine  Geschosse  ankämen,
den  Kampf  abbrechen  und  die  Truppen  unter  sehr  schwierigen  Bedingungen
zurückgehen  lassen  müsse.  Gleiche  Bitten  wurden  zur  selben  Zeit  vom  Grafen
Worontsow-Daschkow,  Chef  der  Kaukasusarmee,  und  vom  General  Rußki,
Höchstkommandierenden  der  Nordwestfront,  ausgesprochen.  Kurz  nachher
begann  die  Armee  starken  Mangel  an  Gewehren  zu  fühlen.  Die  an  die
Front  geschickten  Verstärkungen  hatten  nur  ein  Gewehr  auf  zwei  Mann
und  später  noch  weniger.  Endlich  wurden  ganze  Abteilungen  vollkommen
unbewaffnet  auf  den  Kriegsschauplatz  gebracht.  Gegen  Okt.  1914  betrug  der
Mangel  an  Gewehren  ungefähr  870000.  Infolge  der  Nachlässigkeit  S.#
fehlten  dem  Heere  auch  Maschinengewehre.  Im  Aug.  1915  mangelten  elwa
12000  davon.  Im  Jan.  1915  fehlten  mehr  als  100  Mill.  Patronen.  Der
Patronenmangel  wurde  bald  in  ganz  Galizien  zu  einer  wirklichen  Not.
Dort  mußten  viele  Truppenabteilungen  ihre  Stellungen  verlassen,  da  sie
keinen  Schießbedarf  hatten.  Januschkewitsch  und  andere  Führer  bezeugen
nach  der  Anklageakte,  daß  alle  russ.  Fehlschläge  seit  Lodz  im  Nov.  1914  bis
zum  Aug.  1915  durch  den  Mangel  an  Schießbedarf  hervorgerufen  wurden.
Dieser  Mangel  sei  eine  ernstliche  Behinderung  gewesen  und  habe  häufig
die  Aufstellung  von  Verstärkungen  unmöglich  gemacht.  Ja,  er  habe  sogar
die  Verringerung  des  Bestandes  zahlreicher  Regimenter  auf  drei  Bataillone
bewirkt.  In  einem  seiner  Briefe  an  S.  schreibt  Januschkewitsch:  Gestern
feuerten  die  Deutschen  gegen  eines  unserer  Regimenter  über  3000  Geschosse
schweren  Kalibers.  Sie  fegten  vollkommen  unsere  Stellungen.  Wir  konnten
auf  den  Feind  nur  etwa  100  Granaten  abgeben.  Die  Anklageakte  enthält
  auch  einen  Schriftwechsel  zwischen  S.  und  dem  franz.  Botschafter
Paléologue,  der  auf  Anregung  Joffres  am  26.  Sept.  1914  fragte,  ob  die
Verpflegung  und  der  Schießbedarf  für  eine  fortlaufende  Kampfhandlung
sichergestellt  seien.  In  einem  Briefe  beschwichtigte  S.  die  franz.  Bedenken,