Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebenundzwanzigster Jahrgang. 1911. (52)

Das  Denisqhe  Reithh  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  21.,  23.)  259

teilgenommen.  Die  Verhandlungen  waren  interner  Art.  Ich  bin  außerstande,
über  ihren  Inhalt  Auskunft  zu  geben.  Die  Staatsregierung  hat  aber  den
Eindruck  gewonnen,  daß  die  berufenen  Vertreter  der  Reichspolitik  nach  bestem
Wissen  und  Gewissen  alles  daran  gesetzt  haben,  die  Marokkofrage  einer
günstigen  Lösung  zuzuführen.  In  dieser  Auffassung  hat  zwischen  den  Vertretern
  der  einzelnen  Regierungen  volle  Einmütigkeit  geherrscht,  und  es  ist
dem  Reichskanzler  das  Vertrauen  zu  seiner  Amtsführung  ausgesprochen
worden.  Der  Minister  wies  dann  auf  die  Erklärung  der  Reichsregierung  hin,
künftig  in  Fragen  der  Veräußerung  von  Kolonien  den  Reichstag  zu  hören.
Die  Regierung  stimmt  einer  dahingehenden  Aenderung  des  Schutzgebietsgesetzes
  zu.  Was  die  verlangte  Einführung  eines  verantwortlichen  Reichsministeriums
  betrifft,  so  haben  schon  1885  in  dieser  Frage  Verhandlungen
zwischen  dem  Fürsten  Bismarck  und  dem  Minister  Grafen  v.  Fabrice  stattgefunden,
  und  die  Angelegenheit  ist  damals  im  Bundesrat  verhandelt  worden.
Die  Staatsregierung  hält  an  ihrem  damals  eingenommenen  Standpunkt  fest
und  lehnt  es  ab,  Anträge  auf  Einführung  eines  verantwortlichen  Reichsministeriums
  zu  stellen.  Die  Erhaltung  des  bundesstaatlichen  Charakters
des  Reiches  ist  eine  Grundbedingung  für  sein  Gedeihen.  Wenn  wir  daran
festhalten,  so  folgen  wir  dem  großen  Manne,  dem  wir  die  Reichsverfassung
verdanken,  und  wir  bewähren  uns  als  gute  Deutsche  und  treue  Sachsen.

A.  November.  (Preußen.)  Landtagsersatzwahl  in  Berlin  V.

Es  erhielten  Schriftsteller  Burchardt  (Sd.)  314,  Stadtverordneter  Goldschmidt
  (Fortsch.  Vp.)  166  Stimmen.

23.  November.  (Reichstag.)  Fortsetzung  der  Beratung  über
das  Kongoabkommen  in  der  Budgetkommission.

Das  Wolffsche  Telegraphenbureau  veröffentlicht  aus  dem  Protokoll
der  Marokkokommission  des  Reichstages  weitere  Auszüge.  Sie  betreffen
die  Aussprache,  die  sich  in  der  Kommission  anschloß  an  die  gestern  von
uns  ausführlich  veröffentlichten  Darlegungen  des  Staatssekretärs  v.  Kiderlen-Wächter
  über  die  Vorgeschichte  des  Abkommens.  Im  Gegensatz  zu  dem
bisherigen  allgemein  streng  beobachteten  Brauch,  dessen  Bruch  vom  Reichstagspräsidenten
  stets  entschieden  gerügt  worden  ist,  sind  bei  diesen  Auszügen
  die  Namen  der  Redner  aus  der  Kommission  angegeben.

Die  Aussprache  hatte  folgenden  Verlauf:

Der  Vorsitzende  bemerkt,  der  Wunsch  der  Kommission  gehe  dahin,
daß  möglichst  viel  von  den  Ausführungen  des  Vertreters  des  Auswärtigen
Amts,  insbesondere  die  Instruktionen,  die  dem  deutschen  Botschafter  erteilt
sind,  und  die  Berichte  desselben  über  seine  Gespräche  mit  dem  englischen
Minister  des  Aeußeren  Eduard  Grey  in  den  öffentlichen  Teil  des  Prototolls
  hineinkommen.

Abg.  Bebel:  mit  großer  Genugtuung  konstatiere  er,  daß  durch  den
Staatssekretär  festgestellt  worden  sei,  daß  Deutschland  zu  keiner  Zeit  irgendeine
  Absicht  auf  Landerwerbungen  in  Marokko  gehabt  habe.  Er  konstatiere
ferner,  daß  die  Gründe,  die  die  deutsche  Regierung  veranlaßt  haben,  von
einer  Festsetzung  in  Marokko  abzusehen,  von  seinen  Freunden  vollständig
gebilligt  würden.  Von  Bedeutung  wäre  noch,  wenn  die  militärischen  Bedenken,
  die  gegen  eine  Festsetzung  sprächen,  mitgeteilt  würden.  Er  sei  der
Ansicht,  daß  die  strategischen  Gründe,  die  zur  Beachtung  zwängen,  eine
Festsetzung  in  Südwest-Maroklo  unmöglich  machten.  Der  Staatssekretär
habe  eine  historische  Uebersicht  gegeben  und  vor  allem  die  Frage  mit  der
Entsendung  des  „Panther“  mit  einer  Aus  führlichteit  behandelt,  wie  die
Vorgänge  bisher  noch  nicht  bekannt  gewesen  seien.  Er  habe  zugegeben,

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