Full text : Der Betrug am deutschen Volke.

190  Aus  den  Werkstätten  des  Betrugs.

Deutschland  überhaupt  nichts  an  und  dem  Papst  lediglich  die  Bereitwilligkeit,  nicht
etwa,  mit  Deutschland  sich  in  irgendwelche  Friedenserörterungen  einzulassen,
sondern  lediglich,  bestimmte  Angebote  Deutschlands  entgegenzunehmen.  Das
ist  eine  glatte  Selbstverständlichkeit;  wenn  zwei  Völker  miteinander  im  Streite
liegen,  ist  natürlich  jedes  von  beiden  jederzeit  bereit,  Angebote  des  andern  entgegenzunehmen.
  Sowohl  die  englische  und  französische  Regierung  wie  die  Kurie
haben  die  Erzbergersche  Mär  vom  englischen  Friedensangebot  amtlich  für  unrichtig
  erklärt.

Die  Darstellung  Erzbergers  rückt  noch  mehr  in  das  Licht  einer  berechneten  Fälschung
  durch  den  Satz:  „Eine  versöhnliche  Haltung  usw.“  Jeder  Hörer  und  Leser
muß  den  Eindruck  haben,  er  sei  aus  dem  Angebot  Englands  herausgezogen.  Das
Schreiben  Balfours  enthielt  aber  nicht  die  geringste  Andeutung  einer  derartigen
Versöhnlichkeit;  der  Satz  skammt  vielmehr  aus  dem  Begleitschreiben  des  Münchener
  Nuntius  und  ist  nicht  etwa  eine  Meinung  des  Papftes  oder  Gasparris,  sondern
  eine  gänzlich  unverbindlich  gefaßte  persönliche  Meinung  des  Nuntius  Pacelli:
„Meinerseits  möge  mir  gestaktet  sein,  der  festen  Uberzeugung  Ausdruck  zu  geben,
daß  Euer  Exzellenz  (Michaelis)  ..  ..  sich  unsterbliche  Verdienste  erwerben  wird,
...  wenn  mit  einer  versöhnlichen  Antwort  der  gute  Fortgang  der  Friedensunter“
handlungen  erleichtert  wird.“

Erzberger  fährt  dann  fort:

„Das  war  1917  eine  wohlbegründete,  wohlüberlegte  Friedensaktion  einer
neutralen  Macht,  die  wie  wenige  berufen  war,  die  Idee  der  Völkerversöhnung
einzuleiten,  und  es  wurde  verlangt  lediglich  eine  präzise  Erklärung  über  Belgien.“

Auch  das  ist  wieder  falsch.  Die  päpfkliche  Note  verlangt  nicht  irgendeine  präzise
  Erklärung  über  Belgien,  sondern  r.  „eine  bestimmte  Erklärung  über  die  Absichten
  der  Kaiserlichen  Regierung  bezüglich  der  vollen  Unabhängigkeit  Belgiens
  und  der  Entschädigung  für  den  in  Belgien  durch  den  Krieg  verursachten
Schaden;  2.  eine  gleichfalls  bestimmte  Angabe  der  Garantien  für  politische,  ökonomische
  und  militärische  Unabhängigkeit,  welche  Deutschland  verlangt“.  Also  Unabhängigkeit
  Belgiens,  Schadenersatz  und  Offenlegung  der  deutschen  Gegenforderungen
an  Belgien.  „Sei  diese  Erklärung  befriedigend,  so  meint  Eminenz  (Gasparri)  daß  ein
bedeutender  Schritt  zu  weiterer  Entwicklung  der  Verhandlungen  gemacht  würde.“

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Dann  kommt  die  eigentliche  Erzbergersche  Anklage  gegen  Michaelis:

„Was  aber  geschieht  in  Berlin?  Man  würde  es  nicht  für  möglich  halten:  Vier
Wochen  gibt  man  den  Ministern  keine  Antwort.  Ich  muß  aber  noch  einen  Schritt
weitergehen.  In  einem  Schreiben  vom  24.  9.  wird  abgelehnt,  eine  Erklärung  abzugeben.
  Im  heutigen  Stadium,  heißt  es  in  der  Antwort,  sei  die  Regierung  nicht
in  der  Lage,  die  Erklärung  über  Belgien  und  die  gewünschten  Bürgschaften  auszusprechen,
  weil  die  Vorbedingungen  für  Abgabe  einer  solchen  Erklärung  noch  nicht  genügend
  geklärt  seien.  Also,  ein  amtlicher  diplomatischer  Berichk,  für  ein  Volk,  das
in  höchster  Not  liegt,  wird  vier  Wochen  niche  beantwortet,  dann  erklärt  man  ihn
nicht  für  genügend.“

Das  Schreiben  des  Nuntius  traf  am  s.  September  1917  in  Berlin  ein;  es
waren  also  bis  zur  Antwort  am  24.  September  19  Tage,  nicht,  wie  Erzberger  sagt,
vier  Wochen  verstrichen,  eine  bei  der  Wichtigkeit  der  Sache  und  der  Schwere  der
päpsllichen  Forderungen  durchaus  nicht  zu  lange  Frist.  Aber  das  ist  Nebensache.