Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

578  Veuistes  Neig.  (Mai  15.—16.)

englische  Zweiparteiensystem  nicht  einfach  hineinsetzen.  Wir  müssen  der  Bevölkerung
  sagen,  daß  dieser  Uebergang  ein  Prozeß  ist.  Die  Grundlagen
für  die  Entwicklung  sind  auch  in  der  Osterbotschaft  deutlich  zu  erkennen.
Wenn  auch  dort  das  Reichstagswahlrecht  für  Preußen  noch  nicht
ganz  klar  ausgesprochen  ist,  so  wird  es  nach  diesem  Kriege  der  Gleichhein
des  Todes  kein  Volk  der  Ungleichheit  des  Wahlrechts  mehr  geben;  da  werden
alle  Doktoren,  die  mit  dem  Pluralwahlrecht  operieren  wollen,  nichts  machen
können,  Preußen  wird  unter  Vorantritt  der  Krone  sich  neu  auf  dem  Boden
des  allgemeinen,  gleichen  Wahlrechts  aufbauen,  und  die  anderen  Staaten,
bis  hin  zu  Mecklenburg,  werden  folgen  müssen.  Den  Gedankengang,  daß
es  kein  Hinüber  und  kein  Herüber  zwischen  der  einen  Gruppe  von  Menschen,
den  Regierungsmenschen,  und  der  anderen,  den  Volksvertretern  gibt,  müssen
wir  zunächst  aus  der  Welt  schaffen,  denn  sonst  haben  wir  auf  der  einen
Seite  Menschen  nur  mit  Autorität  und  auf  der  anderen  nur  mit  Kritik.
Es  muß  eine  Fusion  beider  Gruppen  herbeigeführt  werden.  Durch  den
Krieg  ist  die  ganze  Welt  für  den  einfachsten  Mann  nicht  mehr  die  weite,
fremde  Welt.  Der  einfachste  Mann  ist  im  Osten  und  im  Westen,  in  der
ganzen  zentralen  Welt  von  Europa  herumgefahren  und  hat  sich  da  und
dort  herumgeschlagen;  diesem  Mann  wird  man  nicht  mehr  sagen  können,
ihm  fehle  das  Verständnis  für  die  Urelemente  der  Politik.  Sobald  wir
Parlamente  haben,  die  in  Wirklichkeit  etwas  zu  sagen  haben,
werden  die  Talente  von  selbst  kommen:  im  deutschen  Volke  sind
rechts  und  links  Männer  genug,  die  etwas  Großes  zu  schaffen  imstande  sind.
Wenn  wir  der  kommenden  schweren  Zeit  gedenken,  die  der  einzelne  noch
nicht  erkennen  kann,  dann  muß  man  dem  Volke  als  Ganzes  etwas  geben,
was  Vertrauen  ist,  aber  nicht  patriarchalische  Zutraulichkeit.  So  werden
wir  die  Fähigkeiten  gewinnen,  die  wir  heute  dringend  nötig  haben  und
nicht  besitzen,  nämlich  auf  andere  Völker  einzuwirken,  mit  denen  wir  zusammengehen
  müssen.  Wenn  wir  jetzt  zu  einer  gewissen  Vollendung  der
deutschen  Nationalität  kommen,  dann  werden  wir  die  Freiheit  kennen,  gerecht
  und  groß  auch  unter  denen  zu  stehen,  die  erst  eine  Zukunft  haben.
wollen.  Diejenigen,  die  ihres  Deutschtums  sicher  und  frei  sind,  die  können
innere  Freiheit  und  Geduld  genug  haben,  um  auch  den  anderen  neben  uns
ihre  eigene  Freiheit  und  Entwicklung  zu  gönnen  und  zu  erleichtern.  Möge
der  Krieg  das  Nationale  an  uns  allen  stärken  um  des  Vaterlandes  willen,
mögen  Familien  ruhig  aussterben,  wenn  nur  das  Vaterland  weiterlebt.
Bringt  der  Krieg  auch  Gegensätze  zwischen  uns  und  unsere  Feinde,  so  entstehen
  aber  auch  Freundschaften.  Bei  den  in  den  Schützengräben  Stehenden
entsteht  das  Gefühl,  daß  es  denen  drüben  ganz  ebenso  geht,  und  man  entdeckt
  hinter  dem  Kampf  cine  gewisse  Humanität,  die  meist  unter  dem  Kriege
aufwächst.  Die  Völker  lernen  sich  gegenseitig  achten  und  bekommen  Mitleid
  miteinander.  Diese  Unterströmung  gehört  dazu.  (Beif.)

Abg.  Graf  v.  Westarp  (Kons.):  Nicht  mit  Unrecht  wies  der  Abg.  Naumann
  darauf  hin,  wie  falsch  das  Ausland  unsere  innerpolitischen  Verhältnisse
  beurteilt  und  wie  diese  falschen  Bilder  über  die  politischen  Verhältnisse
  in  Deutschland  uns  schaden.  Man  darf  aber  nicht  vergessen,  daß
diese  falschen  Bilder  verschuldet  worden  sind  zu  einem  sehr  großen  Teil
durch  eine  tendenziöse  falsche  und  übertriebene  Darstellung  unserer  Verhältnisse.
  Wenn  jetzt  noch  im  Auslande  dieser  Glaube  eine  so  verhängnisvolle
  Rolle  spielt,  so  ist  ein  Teil  der  Verantwortung  darauf  zurückzuführen,
daß  man  es  jetzt  während  dieses  ungeheuren  Völkerringens  so  hinstellt,
als  gäbe  es  keine  notwendigere  Aufgabe,  als  plötzlich  unsere  ganzen  Verhältnisse
  auf  eine  neue  Grundlage  zu  stellen.  (Sehr  richtig!  r.)  Das  muß
den  Eindruck  erwecken,  als  sei  unser  Volk  in  sehr  viel  geringerem  Maße