228 Has Veutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (November 10.)
Empfinden des deutschen Volkes, wie wir es verstehen, entsprechende Abwehr,
enthält nach unserer Auffassung nicht eine Schwächung, sondern eine Stärkung
des deutschen Ansehens. Es handelt sich bei der englischen Kundgebung
nicht bloß um eine formelle Provokation, sondern um eine sachliche
Einengung unseres nationalen Existenz- und Selbstbestimmungsrechtes für
die ganze Zukunft, zu der wir nicht schweigen durften. (Lebhafte Zustimmung
r.) Der Herr Reichskanzler hat gemeint, daß was von unserer Seite
durch meinen Mund erklärt worden ist, als Wahlrede im wesentlichen
bezeichnen zu können. (Sehr richtig! a. d. L.) Auch die Wahlen spiegeln
unter Umständen das Volksempfinden wieder. (Schallende Heiterkeit l.) —
Seien Sie doch froh, wenn ich etwas ausspreche, was auch Ihren Beifall
findet. Aber darum hat es sich für uns nicht gehandelt, sondern es kam
für uns in Frage auszusprechen, was seit Monaten das deutsche Empfinden
erregt. Das zum Ausdruck hier zu bringen, das war unser Recht als
deutsche Reichtagsabgeordnete, und wir weisen es zurück, daß man die Ausübung
dieses Rechts und dieser Pflicht uns beschränken will. (Lebh. Beifall r.)
Und wenn man hier von nationalem Empfinden gesprochen hat, so wissen
wir, daß das, was durch meinen Mund für unsere Partei gesagt worden
ist, uns von unserem nationalen Empfinden vorgeschrieben worden ist. (Lebh.
Beifall rechts. Große Bewegung.)
Der Präsident macht einen Vertagungsvorschlag auf morgen.
Das Haus stimmt einmütig zu.
Abg. Bassermann (Nl.) (persönlich): Ich wende mich zunächst zu
den Ausführungen des Herrn Gröber. Er hat unter anderem gesagt, ich
hätte gestern eine Vermehrung der Rüstungen gefordert. Das ist nicht
richtig; ich habe die Prüfung gefordert, ob Lücken vorhanden sind. Das
ist ganz etwas anderes. Ich habe im Gegenteil gesagt, wir haben die volle
Ueberzeugung, daß unsere Wehr ausreichend ist. Weiter hat Herr Gröber
gesagt, ich hätte die Bülow--Politik gelobt, ihre Fortsetzung, die Bethmann-Politik
getadelt. Das habe ich nicht getan. Ich habe im Gegenteil gesagt,
daß die jetzige Politik der Abbruch der früheren Politik ist. Der Reichskanzler
hat mir Widerspruch vorgeworfen zwischen meiner Haltung 1905
und jetzt 1911. Er hat meine Ausführungen unrichtig zitiert und ich muß
daher richtig stellen, was ich gesagt habe. Ich habe über das Jahr 1905
gesprochen und habe gesagt: damals war ein Separatabkommen mit Frankreich
nicht möglich; die ganze politische Lage sprach dagegen, die geringe
Wertschätzung in Deutschland kam dazu, und dazu kam die Stellungnahme
Englands. Das ist also ganz etwas anderes. Und ich habe dann über 1911
gesagt: wir waren vor Agadir und da mußten wir bleiben unseres Prestiges
halber. Wollten wir aber dort keinen Territorialerwerb, wollten wir nicht
die Unabhängigkeit des Südens von Marokko, dann war das ganze Agadir
ein Fehler. Dann hat der Reichskanzler davon gesprochen, ich hätte Tripolis
eine Folge von Agadir genannt und hätte mir die Argumente der deutschfeindlichen
ausländischen Presse zu eigen gemacht. Das ist eine Unterstellung,
um mich vor dem Lande zu diskreditieren, die ich zurückweise. Außerdem
sind aber des Kanzlers Ausführungen falsch, soweit er mich zitiert hat.
Ich habe im Gegenteil gesagt: Tripolis ist keine Folge von Agadir und
zwar aus dem einfachen Grunde, weil wir in Südmarokko kein Land genommen
haben. Dann habe ich allerdings gesagt: in dem Augenblick, in
dem die Protektoratsfrage ausgerollt war, da mußte die Tripolisfrage ins
Rollen kommen. Das ist sonnenklar; das muß eine fähige Diplomatie erkennen,
und wenn sie das nicht erkannt hat, so ist das eben sehr bedauerlich.
Die Unterstellung bezüglich meines nationalen Empfindens, die in den Ausführungen
des Reichskanzlers lag, weise ich mit Entschiedenheit zurück.