Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Juli 20.—Aug. Anf.) 169
dung des Deutschen Reichs (München, Oldenburg, 1895) und Hans Delbrück,
Das Geheimnis der Napoleonischen Politik im Jahre 1870. (Preuß.
Jahrbücher Bd. 82 S. 1). Nach Sybel bestand 1870 weder bei Bismarck
noch bei Napoleon Neigung zum Kriege; der Urheber des Krieges ist der
französische Minister des Auswärtigen, Gramont, der bei Gelegenheit der
spanischen Thronkandidatur des Prinzen Leopold mit Hilfe einer Anzahl
Fanatiker das französische Nationalgefühl erhitzte und dem Kaiser die Kriegserklärung
abzwang. Nach Delbrück dagegen hat Napoleon den Krieg von
langer Hand vorbereitet; er suchte ein Bündnis mit Oesterreich und Italien
abzuschließen, um im Jahre 1871 einen gemeinsamen Angriff auf Preußen
zu richten. Als dieses Bündnis seinem Abschlusse nahe war, brachte der
Streit über die spanische Thronfrage den Krieg zum Ausbruch, und zwar
zu einer Zeit, als die beiden Bundesgenossen Frankreichs noch nicht aktionsfähig
waren. Nach Delbrück ist also die spanische Thronkandidatur nur
von sekundärer Bedeutung, sie ist nicht die Ursache des Krieges, wie Sybel
meint, sondern sie hat ihn vornehmlich infolge der diplomatischen Ungeschicklichkkeit
Gramonts zum Heile Deutschlands nur beschleunigt; ein Jahr
später hätte Deutschland nicht nur mit Frankreich, sondern mit drei Gegnern
kämpfen müssen. Eine Fälschung der Emser Depesche verweisen beide
in das Gebiet der Legende. (Vgl. hierzu Staatsarchiv, Bd. 58.)
Es finden das ganze Jahr hindurch zahlreiche Siegesfeiern statt;
die Reihe eröffnet die Berliner Universität am Datum der Kriegserklärung
(19. Juli), wo Heinrich v. Treitschke die Festrede hält. (Erschienen in
Leipzig bei S. Hirzel).
20. Juli. Audienz des Reichskanzlers Fürst Hohenlohe
beim Kaiser von Osterreich in Ischl.
22. Juli. (Berlin.) Rudolf von Gneist +
29. Juli. Der Kaiser kehrt von seiner Nordlandsreise nach
Potsdam zurück (vgl. Schweden).
29./31. Juli. (Berlin.) Versammlung von Vertretern der
beim Zentralausschusse der vereinigten Innungsverbände beteiligten
Innungsverbände und Innungsausschüsse, sowie der Hanseatischen
Gewerbekammern.
Den Gegenstand der Beratungen bildeten: 1. die im Ministerium für
Handel und Gewerbe ausgearbeiteten Grundzüge für eine Zwangsorganisation
des Handwerks und eine Regelung des Lehrlingswesens; 2. der Entwurf
eines Gesetzes, betreffend die Errichtung von Handwerkskammern.
1. August. (Marburg.) Heinrich v. Sybel + (vgl. Paul
Bailleu, Deutsche Rundschau. Jahrg. 1896, 1).
3. August. (Preußen.) Landwirtschaftskammern.
Für Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Brandenburg, Posen,
Schlefien, Sachsen, Schleswig, die Regierungsbezirke Kassel, Wiesbaden werden
Landwirtschaftskammern errichtet.
3. August. Abreise des Kaisers nach England.
Anfang August. Deutschland und England. Preßfehden über
den Artikel des „Standard“ und eine Kaiserrede.