Contents : Zwang und Freiheit in der Jugendpflege.

54  Aussprache.

Jugendpflege  etwa  auf  das  Gebiet  der  körperlichen  Ertüchtigung
hinzuschieben,  so  wenig  das  Gebiet  in  seiner  vorhandenen  begrenzten
  Bedeutung  mißachtet  oder  herabgesetzt  werden  soll.  Aber  viel-Nicht
  werden  wir  durch  die  kommende  Entwicklung  doppelt  und  dreifach
  dahin  geführt  werden,  zu  erkennen,  wie  viel  darauf  ankommt,
der  Seele  des  einzelnen  Jugendlichen,  die  mit  einem  großen  Drange
von  Freiwilligkeit  kommt,  diejenigen  zwingenden  Motive  nahe  zu
bringen  und  in  ihr  wirksam  zu  machen,  die  diese  Freiwilligkeit  bestimmen
  und  die  sie  hinführen  zur  Selbsterkenntnis  und  zur  Selbstbestimmung
  zum  Guten.

Pastor  Jahn,  Züllchow  bei  Stettin.  Hochverehrte  Herrschaften!
Mir  liegt  die  Jugendpflege  ganz  außerordentlich,  schon  beruflich,  am
Herzen,  und  es  hat  mich  magnetisch  nach  Berlin  hergezogen.  Ich
habe  den  ersten  Herrn  Referenten  in  Leipzig  gehört,  wo  er  einen
Vortrag  für  unsere  verwahrloste  Jugend  gehalten  hat,  und  ich  war
nun  gespannt,  was  er  hier  über  die  Jugendpflege  im  allgemeinen
zum  besten  geben  würde.  Ich  habe  während  des  Vortrages  an
Schiller  gedacht,  der  einmal  sagte:  „Der  Mensch  ist  nur  da  ganz
Mensch,  wo  er  spielt“.  In  dem  ganzen  Vortrag  ist  das  Wort  Spiel
nur  ein  einziges  Mal  vorgekommen,  „das  freie  Spiel  der  geistigen
Kräfte“.  Seit  1870  ist  es  mir  immer  aufgefallen:  unser  Volk  hat
es  vollständig  verlernt,  sich  zu  Hause  und  in  den  Vereinen  zu  erholen.
Das  hat  man  auch  jetzt  während  des  Krieges  gesehen.  Mein  Spezialgebiet
  seit  30  Jahren,  schon  vom  Vater  her,  ist  das  Gebiet  des
geistigen  Spielens.  Da  hat  man  mich  denn  1910  nach  Rostock  zum
Fürsorgeerziehungstage  geholt.  Da  waren  lauter  Pädagogen,  denen
habe  ich  wie  aus  einer  Märchenwelt  erzählen  müssen,  wie  der  Mensch
spielt.  Im  Spiele  ist  der  Mensch  am  freiesten.  Da  kann  auch  Zwang
sein,  aber  der  Mensch  muß  auch  etwas  Freiheit  im  Spiele  haben.
Ein  katholischer  Amtsbruder  hat  mich  auf  ein  ganz  famoses  Wort  von
Shakespeare  aufmerksam  gemacht.  Shakespeare  spricht
von  der  menschlichen  Lebenshand:  Der  Daumen  ist  die  Arbeit,  der
Zeigefinger  das  Gebet,  der  längste  Finger  ist  das  Mahl  (Essen  und
Trinken).  der  vierte  Finger  ist  der  Schlaf  und  der  fünfte  ist  das

piel.  .

Heinrich  Seidel  soll  einmal  gesagt  haben:  „Zu  einem
glücklichen  Leben  gehört  ein  wohlgeordneter  Müßiggang“.  Ich  finde
es  ist  so  furchtbar  schade:  unsere  Jugend  hat  keinen  Müßiggang.  Ich
begrüße  den  Zwang  auch,  der  muß  sein,  aber  der  Müßiggang  muß
auch  sein  und  vor  allem  ein  wohlgeordneter  Müßiggang,  daß  man
wirklich  mal  so  leben  kann,  wie  man  möchte.  Da  kann  einer  alt  und
doch  noch  jung  sein.  Die  Leute  sagen,  ich  bin  schon  zu  alt.  Das
kommt  aber  daher,  daß  die  Leute  nicht  mehr  spielen.  Ich  frage  viele
große  Leute:  was  treibst  du,  wenn  du  ganz  kaputt  bist?  Da  sagt
mir  Friedrich  Naumannn:  ich  spiele  mit  meiner  Frau  abends
das  Belagerungsspiel.  Ein  bekannter  Goetheforscher  schrieb  mir:
Goethe  hätte  keinen  Sinn  fürs  Spiel  gehabt.  Ich  sah  aber  im
Goethe-Museum  ein  Dominospiel  stehen  und  bat  den  Direktor,  es