Full text : Bismarck und das päpstliche Rom.

—  169  —

England  mit  dazu  beigetragen,  daß  der  päpstliche  Kirchenstaat
wiederhergestellt  wurde,  indes  doch  nur,  um  der  österreichischen
Herrschaft  auf  italienischem  Boden  einen  Damm  entgegenzusetzen.
  Von  Kaiser  Wilhelm  aber  wurde  gefordert,  Rom  den
Italienern  selbst  wieder  zu  entreißen  und  damit  dem  italienischen
Nationalstaat  den  Todesstoß  zu  versetzen!  Dem  eben  erstandenen
deutschen  Kaiser  Derartiges  zumuten,  konnte  nur,  wer  in  ihm
nur  einen  Nachfolger  und  Fortsetzer  der  Römischen  Kaiser
deutscher  Nation  sah,  ihn  zu  einem  Papstkaiser  stempeln  wollte.

Daß  dies  der  Grund  und  Kerngedanke  der  Petition  war,
sollte  bei  der  bald  folgenden  Adreßdebatte  im  Deutschen  Reichstage
  zu  Berlin  greifbar  genug  zutage  treten.

Schon  durch  die  Wendungen  der  Thronrede  bei  Eröffnung
des  Reichstages,  welche  dahin  gedeutet  werden  konnten  und  wohl
auch  sollten,  daß  man  den  Italienern  ihr  Rom  nicht  strittig
machen  werde,  fühlten  sich  die  Römlinge  beunruhigt.  Hierzu
genügte  schon  die  Wendung,  daß  das  neue  Deutschland  ein
zuverlässiger  Bürge  des  europäischen  Friedens  sein  werde  —
„weil  es  stark  und  selbstbewußt  genug  ist,  um  sich  die  Ordnung
seiner  eigenen  Angelegenheiten  als  ein  ausschließliches,  aber
auch  ausreichendes  und  zufriedenstellendes  Erbteil  zu  bewahren.““
—  „Eine  Stelle‘,  bemerkt  Majunke  (in  seiner  Geschichte  des
Kulturkampfes),  „aus  der  man  herauslesen  konnte,  das  neue
Deutsche  Reich  wolle  seine  Auseinandersetzung  mit  den  Katholiken
  vornehmen,  ohne  die  Einmischung  fremder  Mächte,  (d.  h.
des  Papstes  oder  des  ‚katholischen‘  Österreich)  zu  dulden.“
Will  sagen:  die  Hoffnung  der  Römlinge  —  trotz  alledem  und
alledem  doch  noch  mit  Hilfe  des  Papstes  und  des  „katholischen“
Österreich  auch  des  neuen  Deutschen  Reiches  Herr  zu  werden,
erlitt  schon  durch  die  Thronrede  einen  schweren  Stoß.

Gar  der  Adreß-Entwurf  der  ‚nationalen‘  Partei  in  Erwiderung
  auf  die  Thronrede!  Gleich  der  Eingangssatz  mißbehagte
  denen,  welche  ein  engeres  Deutschland  mit  dem  überwiegend
  protestantischen  Preußen  und  seiner  evangelischen
Dynastie  als  Vormacht,  mit  Ausschluß  von  Österreich,  immer
nur  bekämpft  und  verwünscht  hatten.  Sprach  er  doch  von  der
„sehnsucht  der  Vorfahren  und  der  Hoffnung  der  Mitlebenden‘‘,
die  solcherweise  durch  Gottes  gnädige  Fügung  in  Erfüllung  gegangen
  wären.  Allerdings  wußte  auch  der  Gegenentwurf,  aus
der  Feder  Aug.  Reichenspergers,  von  glorreichen  Siegen  und