Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

12  VBeutsches  Keich.  (Januar  7.)

Hierauf  spricht  Dr.  E.  Meyer  als  Vertreter  der  Spartacusgruppe,  die
auf  dem  Boden  der  Zeitschrift  „Internationale“  steht.  Er  erklärt  von
vornherein,  daß  es  sich  nur  um  einen  Zusammenschluß  für  einen  Tag,  um
gemeinsame  Beratungen  handeln  könne.  Mit  der  Arbeitsgemeinschaft  durch
dick  und  dünn  zu  gehen,  hätten  seine  Freunde  kein  Vertrauen.  Die  Schwierigkeit,
  mit  der  Arbeitsgemeinschaft  ein  Bündnis  einzugehen,  beruhe  schon
darin,  daß  die  Arbeitsgemeinschaft  keinen  einheitlichen  Standpunkt  habe.
Das  trete  besonders  hervor  in  der  Frage  der  Landesverteidigung.  Während
in  der  Arbeitsgemeinschaft  Lipinski  in  dieser  Frage  im  wesentlichen  mit
der  Mehrheit  gehe,  Ledebour  die  Stellungnahme  von  der  Kriegslage  abhängig
  mache,  stehe  die  Gruppe  „Internationale“  auf  dem  grundsätzlichen
Boden,  der  durch  die  Genossin  Duncker  auf  der  Reichskonferenz  vertreten
worden  sei.  Zur  Besprechung  der  parteipolitischen  Fragen  übergehend,  erläutert
  M.  die  von  seinen  Freunden  vorgelegte  Resolution.  Nicht  nur  der
neue  „Vorwärts“,  auch  die  Organisationen  seien  jetzt  Werkzeuge  nicht  mehr
des  Klassenkampfes,  sondern  der  Regierung  und  der  Bourgeoisie.  Von
diesen  Gesichtspunkten  ausgehend,  müsse  man  die  Frage  der  Beitragssperre
und  der  Zugehörigkeit  zur  Partei  behandeln.  Der  Klassenkampf  müsse  jetzt
geführt  werden  gegen  den  Parteivorstand,  der  die  Organisation  zum  Werkzeug
  der  Bourgeoisie  mache,  gegen  die  Kolb,  Heine,  Haenisch,  gegen  die
Scheidemänner  und  gegen  die  verschwommenen  Gestalten  der  Minderheit
in  der  alten  Fraktion  und  der  Arbeitsgemeinschaft.  In  diesem  Kampf  Rücksichten
  zu  nehmen  auf  Formalien  gehe  nicht  an,  es  sei  ein  Machtkampf.
Deshalb  trete  er  nebst  seinen  Freunden  nicht  für  die  Spaltung  ein;  denn
sie  betrachteten  unter  dem  Belagerungszustand  die  Organisation  als  das
gegebene  Kampffeld.  Es  gelte,  die  Partei  auf  andere  Wege  zu  bringen,
damit  sie  schlagkräftiger  werde,  als  sie  sich  am  4.  Aug.  bewiesen  habe.  Der
Hauptton  sei  auf  die  Selbstbetätigung  und  die  Aktion  der  Massen  zu  legen.
Die  parlamentarische  Tätigkeit  der  Arb.-Gem.  befriedige  nicht,  auch  sie  habe
zum  mindesten  versäumt,  in  wichtigen  Fragen  entschiedene  Kritik  an  der
Regierung  zu  üben.  Die  Beitragssperre  sei  gerade  aus  praktischen  Erwägungen
  zu  empfehlen.  Sie  sei  das  schärfste  Mittel  der  Desavouierung  des
Parteivorstandes  und  das  einzige  Mittel,  um  die  Parteigenossen  in  der
Partei  zu  halten.  Der  Kampf  müsse  mit  allen  Mitteln  geführt  werden,
selbst  wenn  er  in  der  Folge  zur  Spaltung  führe,  und  die  Gruppe  „Internationale"
  sei  der  Meinung,  daß  er  zur  Spaltung  der  sozialistischen  und
der  imperialistischen  Strömungen  in  der  Partei  führen  werde.  M.  empfiehlt
dringend  die  Annahme  der  Resolution  der  „Internationale“.  Ihre  Ablehnung
  würde  große  Verantwortung  auf  die  Arb.-Gem.  wälzen.

Den  extrem  radikalen  Standpunkt  der  Gruppe  „Internationaler  Sozialisten
  Deutschlands“  vertritt  Julian  Borchardt,  der  eine  besondere  Resolution
  begründet.  Die  Resolution  der  Arb.-Gem.  sei  inkonsequent.  Er
sei  für  kein  Schutz=  und  Trutzbündnis  mit  der  Arb.-Gem.,  nur  für  gemeinsame
  Maßnahmen  der  Opposition  zur  Abwehr  der  Gewaltstreiche  des  Parteivorstandes.
  Die  Beitragssperre  durchzuführen,  sei  nach  den  Ereignissen  in  Bremen
und  Braunschweig  jetzt  verdammte  Pflicht  der  Opposition.  Was  die  Opposition
trenne,  sei  der  Mangel  an  einer  Tat.  Die  Macht  liege  beim  Proletariat;  es
komme  darauf  an,  diese  Macht  dem  Proletariat  zum  Bewußtsein  zu  bringen.

Bei  der  Abstimmung  erhält  die  Resolution  Lipinski  111,  die  der
Spartacusgruppe  34,  Borchardt  7  Stimmen.  Ferner  werden  ein
Manifest  Kautsky  über  die  Friedensfrage  und  eine  gleichfalls  auf  die
Friedensfrage  bezügliche  Resolution  Eisner  (München)  einstimmig  angenommen.
  Nach  Presseäußerungen  der  Spartacusgruppe  wurde  das  Manifest
  Kautsky  nicht  einstimmig  angenommen.