Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Benisches  Reich.  (Juli  6.—10.)  677

billigt  worden  ist.  Erzberger  hatte  auch  den  Mut  der  Konsequenz:  er  verlangte
  Verständigungsfrieden  und  begründete  seine  Forderung  mit  durchaus
soz.  Argumenten.  Ein  weiteres  Jahr  Krieg  werde  uns,  ganz  abgesehen  von
den  Menschenopfern  und  dem  namenlosen  Leid,  rund  50  Milliarden  kosten;
da  komme  man  erheblich  wohlfeiler  weg,  wenn  man  für  die  Alldeutschen  ein
Sanatorium  errichte.  Höchst  eindrucksvoll  waren  auch  E.##  Hinweise  auf  unsere
Bundesgenossen.  Der  Mann  ist  auf  diesem  Gebict  vortrefflich  unterrichtet.

Ueber  die  noch  am  gleichen  Tage  stattfindenden  Besprechungen
des  Reichskanzlers,  der  bei  den  Ausschußverhandlungen  nicht  zugegen
gewesen  war,  mit  den  Parteivertretern  wird  der  „Frankf.  Ztg.“  unterm
7.  aus  Berlin  berichtet:  Im  Anschluß  an  die  gestrige  Beratung  des  Hauptausschusses
  des  Reichstages,  in  denen  noch  offener  als  in  den  vorangegangenen
Tagen  über  Krieg  und  Frieden  und  auch  über  die  im  Zusammenhang  damit
stehende  Neuorientierung  gesprochen  worden  war,  haben  gestern  abend  noch
Besprechungen  des  Reichskanzlers  mit  einzelnen  führenden  Parlamentariern
stattgefunden.  Vertreter  der  Natl.  Fraktion  sind  bei  ihm  erschienen,  und
der  Abg.  v.  Payer  hat  im  Namen  der  Fortschr.  Vp.  dem  Reichskanzler
dringende  Wünsche  vorgetragen,  die  sich  auf  baldige  Durchführung  der  in
der  Osterbotschaft  gegebenen  Zusagen  beziehen,  vor  allen  Dingen  auch  auf
ein  gleiches  Wahlrecht  in  Preußen.  Sechs  Mitglieder  der  soz.  Fraktion
sind  auch  beim  Reichskanzler  gewesen,  um  ihn,  wie  eine  Korrespondenz
meldet,  unter  anderem  darüber  zu  unterrichten,  daß  die  soz.  Fraktion  von
ihm  eine  unzweideutige  Erklärung  darüber  verlange,  daß  die  deutsche  Regierung
  noch  heute  auf  dem  Boden  der  Erklärung  vom  4.  Aug.  1914  stehe,
also  nur  einen  Verteidigungskrieg  führe,  und  daß  sie  jederzeit  bereit  sei,
auf  der  Grundlage  des  Statusquo  allgemeine  Friedensverhandlungen  einzuleiten.
  Des  weiteren  verlangten  die  Soz.  die  Einführung  des  parlament.
Systems  und  die  sofortige  Ernennung  von  führenden  Abg.  aller  Parteien  zu
Ministern  und  Staatssekretären,  weiter  die  sofortige  Einführung  des  Reichstagswahlrechts
  in  Preußen.  —  Zu  dieser  letzten  Meldung  bemerkt  das  „W.“
halbamtlich:  In  der  Presse  wird  die  Nachricht  verbreitet,  daß  die  soz.  Parteiführer
  dem  Reichskanzler  gestern  ein  politisches  Ultimatum  gestellt  hätten.
Diese  Darstellung  ist  falsch.  Die  Soz.  haben  ebenso  wie  andere  Parteien
mit  dem  Reichskanzler  eine  Aussprache  über  die  allgemeine  Lage  gehabt
und  dabei  insbesondere  ihre  Wünsche  zur  Friedensfrage  und  zur  Frage
des  preußischen  Wahlrechts  vorgetragen.  Andere  spezielle  Gegenstände  sind
bei  der  Erörterung  nicht  behandelt  worden.  Von  einem  Ultimatum  war
keine  Rede.  —  In  gleichem  Sinne  äußert  sich  der  „Vorwärts“.

Am  7.  werden  die  Ausschußverhandlungen  fortgesetzt.  Das
„WTB.“  gibt  darüber  folgenden  Bericht  aus:  Der  Hauptausschuß  des
Reichstages  leßte  heute  die  streng  vertrauliche  Aussprache  über  NMe  auswärtige
  Politik  und  die  militärische  Lage  fort.  Der  Reichskanzler  war  mit
sämtlichen  Staatssekretären  erschienen.  Ferner  waren  anwesend  der  Kriegsminister
  und  mehrere  Mitglieder  des  Bundesrates.  Außer  den  Mitgliedern
des  Hauptausschusses  wohnten  sehr  zahlreiche  Abg.  den  Verhandlungen
als  Zuhörer  bei.  Im  Verlaufe  der  Aussprache,  bei  der  außer  den  Vertretern
  mehrerer  Parteien  Staatssekretär  v.  Capelle  und  Kriegsminister
v.  Stein  zu  Worte  kamen,  ergriff  in  der  Mittagsstunde  gegen  1  Uhr  auch
der  Reichskanzler  das  Wort.  Nachdem  im  Anschluß  an  die  Ausführungen
  des  Reichskanzlers  noch  mehrere  Abg.  gesprochen  hatten,  vertagte
  der  Hauptausschuß  die  Weiterberatung.

Das  „Berl.  Tagebl.“"  bringt  über  den  Verlauf  der  Sitzung  folgende
Mitteilungen:  Von  den  leitenden  militärischen  Stellen  war  nur  Kriegrminister
  v.  Stein  anwesend.  Er  eröffnete  den  Reigen  der  Reden  mit  Ei-