Full text : Spittler’s sämmtliche Werke. Sechster Band. (6)

26

uusers.  Zeitalters  scheinen  muß.  Bei  einer  allgemeineren
natürlichen  Gleichheit  der  Kräfte,  als  die  verschiedene  Lebensart
  unserer  verschisdenen  Stände  zuläßt,  und  bei  einer
geübteren  Abhärtung  des  Körpers,  als  im  Prospecte  aus
wohlverwahrten  gehoizten  Zimmern  kaum  moglich  zu  seyn
scheint,  erhielt  sich  immer  einiges  allgemeine  Gleichgewicht,
und  da  also  auch  Wunden  damals  weniger  schmerzten,  so
wurden  Beulen  und  Loͤcher  weniger  aͤngstlich.  gezaͤhlt,  als
wir  jetzt  wohl  zu  thun  pflegen.  Das  freie  Feld  oder  der
offene  Wald,  der  an  das  freie  Feld  stieß,  boten  jeden  einen
nahen  Zufluchtsort  an,  wohin  besonders  derjenige  cilte,  der
seinen  Gegner  unglücklicherweise  erschlagen  hatte,  und  die
Rache  der  Freunde  oder  Verwandten  desselben  fürchten
mußte.

Wie  sich  alles  das  änderte,  da  eben  dies  Volk,  das
dieser  Lebensart  ganz  gewohnt  war,  in  Mauern  zusammengeschlossen
  bleiben  mußte.  Da  sie  nun  enger  als  vorher
wohnten,  so  entstunden  auch  häufigere  Händel  und  Streitigkeiten
  als  vorher,  und  doch  wurde  zugleich  fast  die
ganze  bisherige  Art,  dieselbe  zu  schlichten,  unbrauchbar.
Wem  etwa  bei  einem  entstandenen  Streit  und  bei  der  fausirechtlichen
  Erdrterung  desselben  ein  Auge  ausgeschlagen  oder
ein  Bein  zerschmettert  wurde,  der  eilte,  statt  daß  er  sich
vorher  beruhigt  hätte,  zum  Richter,  welcher  nun  nahe  genug
  in  eben  denselben  Manern  mit  ihnen  wohnte,  aber
nunmehr  auch  nicht  leicht  mehr  auf  ein  Gottesurtheil  erkeunen
  durfte,  denn  ob  vielleicht  schon  nicht  sieben  Zeugen
da  waren,  weil  niemand  gern  zeugen  mochte,  so  war  doch
das  allgemeine  Gerücht,  wer  Recht  oder  Unrecht  habe,  so
ehrwürdig  und  so  entscheidend,  daß  entweder  Gottesurtheile
bald  um  ihre  Glaubwürdigkeit  kommen  mußten  oder  der