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Verlauf des Reuterschen Büros an eine Kapitalistengruppe
zu erwähnen, der Sir Leander Starr Jameson
(belannt und gelennzeichnet durch den berüchtigten
Jameson-Raid) angehört und die gänzlich unter dem
Einfluß der Regierung zu stehen scheint. Die Aktien
sind über den Nennwert bezahlt worden, obwohl das
Büro in Kriegszeiten keine Dividenden ausgeschüttet
hatte, ein Beweis, daß die Regierung großen Wert
auf die publizistische Macht des Büros legt. Der
„Standarde, der zu Anfang des Krieges die nach London
ausgeführte -Independance Belge- gedruckt
hatte, ist eingegangen. Die -Pall Mall Gazette ist
von dem radikalen Parlamentsmitglied Dalziel, dem
Besitzer des Sonntagsblattes Reynold's Newspaper-,
dem bisherigen Besitzer Lord Astor abgekauft
und in ein Organ für Lloyd George umgewandelt
worden. Der Herausgeber des Economist-, Francis
Hirst, der wegen feiner Friedensliebe aus seiner
Stellung verdrängt worden war, hat eine Zeitschrift
»Common sense- gegründet, die nicht ins Ausland
versandt werden darf. Ein anderes neues Wochenblatt
ist Zundey Pictorial-, für das Winston Churchill
schreibt. Der Verleger ist Lord Rothermere, ein
jüngerer Bruder des Lords Northcliffe.
Die französische Presse. Dassjenige französische
Blatt, das den traurigen Ruhm für sich in Anspruch
nehmen kann, das meiste zur Entfesselung des Weltkrieges
beigetragen zu haben, ist der-Matin-. Auch in
seiner journalistischen Aufmachung, in der Art seines
Nachrichtendienstes und in seiner redaktionellen Behandlung
der Dinge siellt er in Frankreich den Pressetypus
dar, der, ursprünglich aus Amerika gekommen,
in der englischen Harmsworth-Presse seine europäische
Ausgestaltung erfahren hat, und der -Matin hat von
dieser auch den giftigen Haß gegen Deutschland und die
ielbewußte Vorbereitung des Krieges übernommen.
ese Entwicklung des im Jahre 1884 gegründeten,
von Stephan Lauzanne, dem Neffen des bekannten
i„Times--Berichterstatters Blowitz, geleiteten radikalen
Blattes datiert aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts,
rägte sich aber erst in voller Schärfe aus, als mit der
ahl Poincarés zum Präsidenten der Republik der
Sieg der von ihm in Gemeinschaft mit den Delcassé,
Barthou und Briand vertretenen Politik der Wiedererweckung
des Revanchegedankens entschieden war. Da
diese Wiedererweckung unmittelbar auf die Entente
Cordiale mit England zurückzuführen ist, ergibt sich
bier ein voller Parallelismus zwischen dem Feldgugm
der Presse und dem der Diplomatie. Die Leserzahl des
„Matin= soll vor dem Kriege 800000 — 850000 betragen
haben, dann bei Ausbruch des Krieges nach
nicht völlig verbürgten Meldungen auf 300000 gesunken,
im Laufe des Krieges jedoch wieder sehr stark
gestiegen sein bis zu einer Höchstauflage von 1 700000.
a die festen Abonnements in Paris, wie übrigens
auch in London, eine verhältniemäßig kleine Rolle
gegenüberdem Straßenverkauf spielen, kommen selbstverständlich
sehr starke Schwankungen vor, genauere
Angaben von bleibender Richtigkeit sind nicht möglich.
Als Gegenfüßlerin des -Matin läßt sich oder ließ sich
vor Ausbruch des Krieges die im Jahre 1904 von
Jean Jaurks gegründete „Humanité= bezeichnen.
Sie war ebenso friedlich wie jener kriegerisch und versocht
mit begeisterter Hingabe die sozialistischen Ideen
der Annäherung der Völker im Interesse des Weltfriedens.
Sie soll vor dem Kriege eine Auflage von
etwa 115000 Bezieher gehabt haben. Als Jauris
jedoch am 2. August 1914 ermordet wurde, zweifellos
IV. Kultur und Geistesleben
nicht ohne Wissen der Regierung, die in ihm den einzigen
ernsthaften Gegner des Krieges fürchtete, ging
die Bedeutung und Verbreitung es jetzt von Compere-Morel
geleiteten Blattes stark zurück, und die
Auflage soll, obwohl das Blatt heute noch die soenannten
geeinigten Sozialisten, d. h. die sozialistiche
Majorität, vertritt, auf etwa 65,000 gesunken sein.
Ein Blatt, bei dem sich die Erlebnisse des Weltkrieges
sogar in einer Namensänderung widerspiegeln, ist
das des früheren Antimilitaristen Gustave Hervé; die
von ihm seit 1906 herasgegebene „ Guerre Sociale:,
ein Blatt des radikalsten Sozialismus von völlig
anarchistischer Färbung, das unermühlich die Verweigerung
des Heeresdienstes predigte und den Militarismus
in der schärfsten Sprache bekämpfte, erscheint seit
dem 1.Januar 1916 unter dem Namen »La Victoiree,
treibt aktivsten Patriotismus und soll es glücklich zu
einer Auflage von 100 000 gebracht haben. Auch das
Organ Clémenceaus, des ewigen Ministerstürzers, hat
im Laufe des Krieges seinen Namen, nicht aber seine
Richtung geändert. Im Mai 1913 unter dem Namen
»L'Homme Libre“ gegründet, wurde es im September
1914 wegen seiner an den Sanitätszuständen im
Heere geübten scharfen Kritik verboken, um kurzdarauf
als „T'Homme enchainé= („Der Mann in Ketten:)
wiederaufzuleben. Auch jetzt bekämpft das Blatt alle
Mißstände im Heer und in der Heeresverwaltung, insbesondere
aber die Militärdiktatur, und gibt zugleich
der alten Gegnerschaft und Rivalität seines Leiters
gegenüber Poincaré dadurch Ausdruck, daß es emsig
en vermeintlichen Staatsstreichgelüsten des Präsidenten
nachspürt. Zur Opposition von links gehören ferner
„La Bataille (früher = La Bataille Syndicalister),
das Blatt der revolutionären Sozialdemokratie, das
im übrigen in seiner Polemik gegen Deutschland einen
verhältnismäßig ruhigen und anständigen Ton wahn.
undals Kriegsgründung Le Bonnet ronge ein Blatt
von sehr niedrigem Rang mit einziger Ausnahme der
Militärkritik, das nebenbei in fortwährendem Kampfe
mit der orleanistischen »Action Française= liegt und
dessen Herausgeber Daudet (den Sohn von Alphonse
Daudet) und Maurras der Urheberschaft an der Ermorhung
Jaures“ bezichtigt hat. In der Deutschfeindlichkeit
kennen beide Blätter kein Maß und Ziel;
das royalistische Blatt übertrifft aber seinen Rivalen
in der Gemeinheit und Niederträchtigkeit der Ausdrucksweise
erheblich. Im Laufe des Krieges aus einer
Zeitschrift in eine Tageszeitung umgewandelt hat sich
das ebenfalls oppositionelle-Guvre, das es als seine
Aufgabe bezeichnet, alles zu sagen. was die anderen
nicht sagen. und andauernd scharf gegen die Unfädigkeit
und Lässigkeit der Regierung, die Gewinnsucht der
Heereslieferanten und die Drückeberger zu Felde zieht.
Das Blatt, an dessen Spitze Gustave Tery steht. wird
denn auch jeden Augenblick verboten. Schließlich sei
als Kriegsgründung noch vLa France de demain:,
das Organ der Wetterlé und Konsorten, also der elsässischen
Verräter und Flüchtlinge, erwähnt.
Im übrigen steht das französische Zeitungswesen
zum Unterschied vom englischen, das sich nur im militärischen
Nachrichtenwesen eine allerdings sehr weit.
gehende Zurückhaltung auferlegen muß (auch die eingangs
erwähnten belgischen Dokumente haben nicht
veröffentlicht werden dürfen), unter strenger Zenfur.
welche die äußere Aufrechterhaltung der union saerée«
wesentlich erleichtert. Wie sich von selbst versteht.
sind auch diejenigen Blätter, dieim Frieden nicht besonders
deutschfeindlich waren, wie der von Jean Dupuy