Vorrecht haben dürften, um ihre vor aller Augen liegende Thaten rechtfertigen
zu können. Ueberhaupt war es ihm nicht einleuchtend, daß er einer Sinnesänderung
bedürfe, weil er Alles zur Ehre Gottes gethan hätte, was jedoch
Roloff nicht zugeben wollte, und ihn an mehrere harte Befehle und Verordnungen
erinnerte, die wohl das Gegentheil bewiesen. Der König erkannte die
strenge Festigkeit des Geistlichen mit den Worten: „Er schont meiner nicht; er
spricht als guter Christ und als ein ehrlicher Mann mit mir. Ich danke ihm
dafür und erkenne nun, daß ich ein großer Sünder bin.“
Es war sehr ergreifend, den sonst starren Charakter so zerknirscht zu sehen,
und Alles um sein Lager herum betete für das Heil seiner Seele. Am 27. Mai
hatte sich der Zustand des Königs so verschlechtert, daß Eilboten den Kronprinzen
von Ruppin herüberriefen. Friedrich traf seinen Vater etwas besser; er hatte
sich auf einem Stuhl in den Garten bringen und auf dem Paradeplatz herumfahren
lassen. Das Wiedersehen war äußerst rührend; das nahe Ende und dann
das Andenken an die frühere harte Behandlung mochte das sonst so starre Herz
um desto stärker bewegt haben. Sehr freundlich und mit großer Ausführlichkeit
sprach er mit ihm über die Angelegenheiten des Staates, und trotz aller Schmerzen
stets mit stoischer Fassung. Doch selbst in diesen letzten Augenblicken verließ
ihn die angeborne Ungeduld und Heftigkeit nicht ganz; denn als auf seinen
Befehl die Pferde seines Marstalls vorgeführt worden waren, und er dem Fürsten
von Dessau eins derselben von besonderer Schönheit und Tüchtigkeit zur
Wahl bezeichnet hatte, gerieth er außer Fassung, weil die Stallknechte nicht die
passende Decke aufgelegt hatten. „Wie wollte ich die Schurken abprügeln, fuhr
er heraus, wenn ich nur gesund wäre,“ und wendete sich dann zu einem seiner
Hausbeamten, um ihm die Stellvertretung für diesen Punkt anzuempfehlen.
Eine große Anzahl der vornehmsten Staatsdiener war auf den Ruf des
Königs um sein Sterbelager erschienen. Friedrich Wilhelm 1. dankte ihnen für
die treu geleisteten Dienste, empfahl ihnen gleiche Treue gegen den Sohn, so
wie diesem eine gleiche Sorge für sie und für das Heer, welches ihm als seine
hauptsächlichste Schöpfung ganz besonders am Herzen lag. Er legte förmlich die
Regierung in die Hände seines Sohnes nieder. Dann aber kehrte der alte
Stoicismus ganz in ihn zurück. Er befahl den schon seit längerer Zeit bestellten
eichenen Sarg vor sich hinzustellen, und betrachtete ihn mit festem Blicke. Hierauf
ließ er die von ihm selbst verfaßte Anordnung seines Leichenbegängnisses durch
den Kabinetssecretär Eichel vorlesen. Alles darin athmete den Geist musterhafter
Ordnung, soldatischer Strenge und genauer Sparsamkeit. Die Hauddiener sollten
keine Trauerkleider bekommen, sordern nur Flöre um die Hüte tragen; jedem
Grenadier seines Regimentes war, wie zur Erxercierzeit, ein Trinkgeld von zwei
Groschen, für die Generale und Offiziere Abends im großen Gartensaal ein
reichliches Mahl mit einem Stückfaß Rheinwein und andern guten Weinen bestimmt.
In den ersten vierzehn Tagen nach seinem Tode sollte kein Prediger
etwas von seinen Thaten oder Gesinnungen er wähnen, ihn nicht verachten, aber