Volltext : Gesetzsammlung für das Fürstenthum Reuß Älterer Linie. 1855. (4)

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Die  Alraune  ein  Gegenstand  des  Aberglaubens  der
vaterländischen  Vorzeit*).
(Aus  Chronisten  und  ältern  Acten  erläutert.)

Nächst  der  sogenannten  Sprengwurzelt)  der  Schatzgräber
hatte  die  Alraune  oder  das  Alrannichen,  wie  es  gewöhnlich
im  Volke  hieß,  eine  große  Geltung  erlangt,  und  war  mit  dem
Kobolde  fast  gleich  hochgeachtet;  die  sogenannten  Alraun-,  Hecke-,
Heinzel=  oder  auch  Galgenmännlein  gehörten  aber  zur  edlern
Classe  der  Kobolde.  —  Die  Alraun-Wurzel,  welche  schon  im
hohen  Alterthume2)  der  Zauberei  dienen  mußte,  gehört  zum  Ge-*)

  Es  wird  nicht  ohne  Interesse  für  die  Freunde  der  vaterländischen
Cultur=  und  Sittengeschichte  sein,  über  die  verschiedensten  Aberglaubensformen
  der  Vorzeit  Nachrichten  zu  erhalten;  hier  wieder  eine  Probe.

1)  Wahrscheinlich  die  Tithymalus  verrucosus  mit  sehr  knolligten  Wurzeln.
Sie  soll  die  Kraft  haben,  Riegel  und  Schlösser  aufzusprengen,  große  Ketten
zu  zerreißen  und  Schätze  herauszulocken  und  zu  heben.  Man  fabelte  von  ihr
Sonderbares  im  Mittelalter.  so  z.  B.  daß,  wenn  ein  Pferd  mit  dem  beschlagenen
Hufen  darüber  ginge,  die  Eisen  abspringen  sollten.  Albertus  Magnus  sagt,  daß
nur  Vögel  dieselbe  zu  finden  wüßten;  besonders  soll  der  Specht,  die  Elster
und  der  Wiedehopf  sich  gut  darauf  verstehen.  Ja,  man  erzählt,  daß  sie,
wenn  man  ihr  Nest  mit  einem  Stricke  oder  mit  Ketten  umwinde,  oder  das
Loch  des  Baumes,  was  zu  ihrem  Neste  führt,  mit  einem  Keile  vernagelte,  dann
das  Kraut  oder  die  Wurzel  herbeiholten,  wodurch  sofort  die  Stricke  und  Ketten
zersprengt  und  der  Keil  herausgezogen  würde.  Um  von  den  Vögeln  diese
Wurzel  zu  erhalten,  müsse  man  ein  rothes  Tuch  unter  einen  Baum  legen,
worauf  sie  die  Wurzel  fallen  ließen.  Diese  Fabel  ist  aber  schon  sehr  alt;
denn  Plinius  erzählt  in  der  Hisloria  naturalis  (XXVII.  60)  dergleichen  Sonderbares
  von  der  Elycyside,  quam  aliqui  Paeoniam,  aut  penforobon  vocant.  Er
sagt  namentlich:  Tradum  nociu  effodiendas,  quoniam,  pico  Martio  (Specht)  impelum
  in  oculos  faciente,  interdiu  periculosum  sit.  Radix  vero  cum  eflodiatur,
Periculum  esse  ne  sedes  procidat.  Magna  id  vanitale  ad  ostemationem  rei  lictum
arbitror.  Auch  in  der  vaterländischen  Sage  spielt  die  Sprengwurzel  eine
Rolle.  So  erzählt  Melissantes  (curieuse  Orographie  Nr.  209);  Im  Kiffhäuserberge,
  etwa  3  Stunden  von  Nordhausen,  soll  sich  Kaiser  Friedrich
(borbewossg)  mit  den  Seinigen  verflucht  haben.  Er  soll  darin  auf  einer
Bank  an  einem  steinernen  Tische  schlafend  sitzen,  den  Kopf  auf  die  Arme  gestützt.
  Der  Bart  sei  ihm  durch  den  Tisch  bis  auf  die  Füße  berabgewachsen,
doch  er  schlummere  nur  und  „zwinkere  mit  den  Augen“,  als  wenn  er
alsbald  wieder  erwachen  wollte.  Die  Schatzgräber  geben  vor,  daß  der  Kaiser
hier  seine  Schätze  verwahrt  habe,  und  wer  die  daselbst  wachsende  Sprengwurzel
  zu  finden  verstehe,  dem  öffne  sich  der  Berg.  sowie  die  Schlösser  der
Kästen,  worin  die  Schätze  verborgen  liegen.  Doch  könne  man  diese  Wurzel
nicht  anders  finden,  als  wenn  man  die  Geister  mit  einer  in  einen  Kreis  gelegten
  Summe  Geldes  beschworen  hätte;  sei  dies  geschehen,  so  zeigten  sie  den
Ort  an,  wo  die  Schätze  verborgen  liegen;  doch  wurde  dieses  von  Betrügern
benutzt:  die  in  den  Kreis  von  den  beichtgläubigen  gelegte  Summe  wurde  gewöhnlich
  räuberisch  gehoben.  —  Schon  bei  den  Alten  und  namentlich  im
Mittelalter  bediente  man  sich  der  Päonienwurzel  als  Heilmittel  gegen  wüstes
Hirn,  Epilepsie,  und  epileptischen  Kindern  hing  man  eine  solche  Wurzel  sogar
um  den  Hals.  —

2)  Einige  halten  die  Alraunwurzel  für  die  Circaen  der  Alten,  doch  ist  diese
wohl  die  Linne'sche  Circaea  oder  das  Hexenkraut,  was  auch  Waldklette